1990

„Es begab sich aber zu der Zeit …“ – Lk 2,1ff

(Predigt, Hl. Abend 1990) „Ein Jahr der historischen Stunden neigt sich seinem Ende zu. Unglaublich, was alles geschah; was alles möglich wurde; unglaublich, wie sich dem lange geknechteten Teil unseres Volkes und anderen Völkern im Osten Türen auftaten in die Freiheit, nicht zuletzt auch dem Gottesvolk unter ihnen, der christlichen Gemeinde, die ja noch extra bedrängt war.

Wir dürfen heute wieder miteinander ein Ereignis der Weltgeschichte begehen, das alle sonstigen historischen Stunden in den Schatten stellt, auch die dieses zu Ende gehenden Jahres. Christi Geburt! Als es dazu kam, nahm freilich zunächst niemand davon Notiz. In aller Munde, so darf man annehmen, war damals die Steuerschätzung, die der römische Kaiser angeordnet hatte mit ihren beschwerlichen Ausführungsbestimmungen. Was mit Steuern zusammenhängt, das sind ja immer wieder auch unsere Themen. Von der Steuerschätzung damals spricht heute niemand mehr. Aber nach jenem Ereignis, das sich ganz im Verborgenen abspielte, zählt die Welt inzwischen ihre Jahre, auch dieses ereignisreiche Jahr 1990 nach Christi Geburt, was man in der DDR bekanntlich so nicht mehr sagen durfte. Und wer weiß, ob die erstaunlichen Wendungen zum Guten oder wenigstens zum Besseren in diesem Jahr möglich geworden wären ohne jene weltgeschichtliche Wende der Geburt Christi.

Als Wiege für diese Wende, als heimliche Mitte der Welt erwies sich wieder einmal Land und Volk Israel. Dort kam es bei einer begnadeten jungen Frau zu einer geheimnisvollen Schwangerschaft. Der Gott Israels ist auf diesem Gebiet, auf dem Gebiet neuen Lebens, seinem ureigensten Gebiet, für manches Wunder gut, das wusste man. Ein Wunder dieser Art kannte man noch nicht. Gottgewirkt, geistgezeugt bildete, regte sich hier neues Leben im jungfräulichen Mutterleib, geistliches Leben. Es sollte im jüdischen Land zur Welt kommen, dort, wo mit David das Königtum in Israel seine Wurzeln hatte, in Bethlehem. Eben dazu musste der Kaiser von Rom mit seinen Verordnungen dienen. Umso rätselhafter ist dann die Geburt selber. … Maria und Josef muss es zusehends schwerer geworden sein, noch davon auszugehen, dass Gott mit diesem Kind wirklich Großes im Sinn haben sollte. …

Nicht nur im alten Gottesvolk Israel, auch im Kirchenvolk unserer Tage nimmt man vom Christuskind oft genug keine Notiz. Unser gigantischer Weihnachtsrummel – hat er sich nicht mittlerweile vollständig abgelöst von ihm?

Aber, liebe Gemeinde, keine Angst! Gott liest uns deswegen nicht die Leviten. Er macht uns nicht einmal Vorwürfe, auch denen nicht, die vor einem Jahr oder noch weiter zurück das letzte Mal in einer Kirche waren … Gott nimmt es uns nicht übel. Er nimmt das alles auf sich. Überhaupt geht es bei der Mission, die Gott mit dieser Geburt verfolgt, letztlich darum, was er alles auf sich nimmt in väterlichem, göttlichem Erbarmen.

Als Zweites bezeugt uns die Weihnachtsgeschichte, dass Gott nun doch auch für Aufklärung sorgt, Aufklärung über diese Geburt und ihr Geheimnis. So wie einst, als es um den künftigen König Israels ging, seine Wahl auf den jüngsten der Söhne Isais fiel, den scheinbar Unbedarftesten, der draußen auf dem Feld beim Hüten war, so fiel Gottes Wahl jetzt auf die Hirten Bethlehems draußen auf dem Feld. Ihnen ließ er ein Licht aufgehen und wie! …“

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