„Wir haben es fehlen lassen an der Liebe … zu uns selbst“

Immer öfter wird in der evangelischen Verkündigung und Seelsorgepraxis die angebliche Bedeutung der Liebe zu sich selbst betont und behauptet, diese Liebe sei ausdrücklich geboten. Als Beleg dient das biblische Grund-Gebot: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst (Matth 22,39 – 3 Mose 19,18). Man schließt daraus, dass auch und gerade von Jesus her die Selbst-Liebe der Nächstenliebe vorausgehe und zugrunde liege. Wer sich selbst nicht liebt, kann auch seinen Nächsten nicht lieben, heißt es dann. Dementsprechend kann in Beichtgebeten bei der Abendmahlsfeier formuliert werden: „Wir haben es fehlen lassen an der Liebe zu dir (sc. Gott – wenn die Kategorie der Gottesliebe überhaupt noch im Blick ist), an der Liebe zu unseren Nächsten und an der Liebe zu uns selbst.“

Das biblische Gebot der Nächstenliebe wird schwerlich in diesem Sinn zu verstehen sein. Ich halte diese Auslegung für eine Verfälschung seines Sinnes. Vielmehr wird beim biblischen Gebot der Nächstenliebe die Selbst-Liebe als Gegebenheit vorausgesetzt. Dass der Mensch, und zwar jeder und jede, sich selbst liebt, ist das Allerselbstverständlichste und bedarf keinesfalls eines Gebotes. Es ist geradezu unmöglich, es an der Liebe zu sich selbst fehlen zu lassen.

Natürlich kann es geboten sein, verunsicherten Menschen dazu zu helfen, dass sie sich selbst annehmen und als wertvoll erkennen können. Aber auch die Menschen, die mit sich selbst unzufrieden sind, mit sich selbst hadern, sich selbst hassen, an sich selbst verzweifeln, lieben auf ihre Art und zwar besonders intensiv sich selbst. Auch wer sein Leben wegwirft, tut dies letztlich aus Liebe zu sich selbst; er möchte sich ein Weiterleben unter den für ihn unerträglichen Umständen ersparen.

Das biblische Gebot der Nächstenliebe fordert dazu auf, dem Nächsten das gleich hohe Maß an Liebe zuzuwenden, das der Mensch sich selber natürlicherweise und unter allen Umständen zuwendet. Nicht vorausgehende liebende Zuwendung zu sich selbst liegt auf der Linie dieses Gebots, sondern eher im Gegenteil Zurückstellung der Liebeserwartungen und Liebesansprüche des Selbst. Nicht von ungefähr gehört zum Idealbild christlicher Nächstenliebe die Selbstlosigkeit. Zu bedenken ist in diesem Zusammenhang auch der Nachfolgeruf Jesu, in dem es heißt: „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir“ (Matth 16,24). „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – ‚hoos seauton’“: Möglicherweise ist dieses „hoos“ sogar im Sinn von „als“ zu verstehen: „… als dich selbst“. Das würde bedeuten, dass wir bei der Nächstenliebe den Nächsten geradezu an unsere Stelle, an die Stelle unseres (geliebten) Selbst setzen sollen.

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