Mündliche Überlieferung

Lange Zeit habe ich mir unter mündlicher Überlieferung etwas völlig Falsches vorgestellt, nämlich eine mündliche Weitergabe von Informationen, wobei Menschen „erzählen“, was sie von dem betreffenden Faktum oder von der betreffenden Person, ihren Taten oder Worten noch im Gedächtnis haben, auch quasi über den Gartenzaun hinweg, was man so zwischen Nachbarn an Neuigkeiten austauscht. Was dabei mit Informationen passieren kann, ist hinlänglich bekannt. Ob am Ende eines solchen „Überlieferungsprozesses“ überhaupt noch etwas Substanzielles von der ursprünglichen Information vorhanden ist, bleibt ungewiss. Sollte auf solchen Vorgängen die Überlieferung beispielsweise des Stoffes der Evangelien beruhen?

Das ist natürlich völliger Unsinn. Was mündliche Überlieferung im Zusammenhang mit religiösen, heiligen Texten ist und wie sie zustande kommt, ist mir vollends klar geworden, als ich in Jerusalem vor einer Talmud-Schule stand und aus jedem Klassenzimmer die z.T. noch sehr jungen Knäblein stundenlang gemeinsam die Texte skandieren hörte, die ihnen von ihren Lehrern immer und immer wieder vorgesprochen wurden.

Mündliche Überlieferung war und ist ein hoch professionelles Geschäft, erst recht, wenn es um heilige Texte geht. Unter peinlichster Kontrolle werden in speziellen Überlieferungs-Instituten (Schulen …) die betreffenden Inhalte Wort für Wort eingeprägt, auswendiggelernt, ständig wiederholt und so bewahrt. Der Grad der Zuverlässigkeit ist bei der mündlichen Überlieferung unter Umständen sogar noch höher als bei der schriftlichen, da es beim Abschreiben nachweislich zu allen möglichen Fehlern (Schreibfehlern, Auslassungen, Verwechslungen usw.) kommen kann und da bei der mündlichen Überlieferung die richtige Betonung sowie die richtige Zuordnung von Worten in einem Satzgefüge auch gleich mit bewahrt werden.

Natürlich gehören die Taten und Worte Jesu sowie sein Geschick, vor allem die Geschichte seiner Passion und seiner Auferstehung, zum Allerheiligsten, was zu überliefern war. Die mündliche Überlieferung hatte dem gerecht zu werden. Die außerordentlich hohen, großenteils wörtlichen Übereinstimmungen bei den Perikopen, die in zwei oder in allen drei synoptischen Evangelien gleicherweise vorkommen, legen davon Zeugnis ab, wie zuverlässig die vorausgegangene mündliche Überlieferung war.

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