Blinde Synagoge

Jesus weint über Jerusalem – Lk 19,41ff

(Predigt) „… An der Stelle, wo das gewesen sein könnte, hat man eine Kirche erbaut in Gestalt einer überdimensionalen Träne. Sie heißt: Dominus flevit, der Herr weinte.

Jesus weint über Jerusalem – so unendlich wichtig ist ihm diese Stadt im Herzen Israels; so unendlich viel ist ihm an ihren Bewohnern gelegen. Warum weint er? Was beschwert ihn so? ‚Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was dir Frieden bringt. Aber nun wurde es vor deinen Augen verborgen.’ Es gibt keinen Zweifel, wie das gemeint ist. Er selbst ist es, sein Kommen ist es, seine Sendung von Gott her, was Jerusalem Frieden bringen soll und bringen würde, wenn sie es nur erkennen, wenn sie ihn nur auf- und annehmen würden. Viele sonst in Israel haben es erkannt, haben sich ihm anvertraut, sind ihm nachgefolgt: Die Fischer vom See Genezareth, die seine Jünger wurden; viele, denen seine Verkündigung groß geworden ist; viele Geheilte, Befreite. Aber gerade Jerusalem mit der ganzen pharisäischen, schriftgelehrten und hohenpriesterlichen Führungsschicht verschließt sich ihm.

Wir wissen, welches Schicksal Jesus in Jerusalem erwartet. Aber er beklagt nicht sich; er klagt nicht über das Schwere, das ihm bevorsteht. Er beklagt Jerusalem und seine Bewohner, weil sie nun leer ausgehen werden; weil sie nun nichts von ihm und seiner Sendung haben; weil ihnen nun der Friede entgeht, auf hebräisch: der schalom, das Heil, das Gott doch gerade ihnen vor allen anderen zugedacht hat.

In der Schriftlesung (Röm 9,1ff) haben wir von einem anderen gehört, der von den gleichen Empfindungen ergriffen ist: Paulus. Auch einer von ihnen und mittlerweile zum Apostel Jesu Christi berufen. Im Gedanken an sein Volk, im Gedanken an den Teil, der Jesus und seine Sendung noch immer verneint und seine Gemeinde verfolgt, hat er ‚große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass in seinem Herzen.’ Israel ohne Jesus Christus, Israel ohne seinen Messias – das ist zum Heulen! Und wenn wir heute genau so für das jüdische Volk empfinden: Trauer und Schmerz um sie – in tiefster Verbundenheit mit ihnen, dann liegen wir richtig.

Aber nun ist’s vor deinen Augen verborgen’, klagt Jesus. Jerusalem ist verblendet. Auch wenn sie es noch so deutlich vorgeführt bekommen, auch mit noch so großen Wundern, die Jesus tut – sie bleiben blind für die Wahrheit, blind für das Heil Gottes, das ihnen jetzt begegnet. ‚Eine Decke liegt auf ihren Augen’ wird Paulus später sagen, oder: ‚Verstockung ist einem Teil von ihnen widerfahren’, und der Bildhauer, der das Straßburger Münster ausgestattet hat, hat jene berühmte Statue der Synagoge mit der Binde vor den Augen geschaffen. Da ist bis auf weiteres nichts zu machen – ja, bis eines fernen Tages dann doch die Decke weggenommen, die Verstockung aufgehoben wird. …“

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