Relativ/absolut?

Das Scherflein der Witwe – Mk 12,41ff

Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas hineingelegt haben“ sagt Jesus. Wie ist dieses „mehr“ zu verstehen?

Natürlich hat sie subjektiv bzw. relativ mehr eingelegt als die anderen, nämlich in Relation zu ihrer Habe. „Sie hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt …“.

Aber Jesus will damit möglicherweise sagen: Was die Witwe eingelegt hat, ist objektiv, im absoluten Sinn mehr als die Einlage aller anderen; es ist ein objektiver Mehrwert, der damit in den Gotteskasten gelangte. Das würde bedeuten, die zwei Scherflein der Witwe sind objektiv die bedeutendste Opfergabe von allen, sie zählen mehr, sie richten mehr aus für die Sache Gottes als die Gaben der anderen, die nur von ihrem Überfluss eingelegt haben, auch wenn der Geldwert dieses Opfers gleich Null ist.

Insofern könne die Armen unter den Gemeindegliedern tatsächlich der Schatz der Kirche sein.

(Predigt, aus D-Mark-Zeiten) „… Ich muss etwas gestehen. Wenn ich gelegentlich am Zählen des Gottesdienstopfers beteiligt bin, sehe ich als erstes die Scheine – immer wieder sind ja sogar auch 50- oder 100-DM-Scheine dabei –, dann sehe ich die 5-DM-Stücke und zähle sie mit Befriedigung und Freude. Eher ärgerlich und traurig werde ich beim Anblick und beim Zählen der Groschen oder gar Pfennige. Was Jesus hier in unserer Geschichte zu sehen bekommt und was er dazu sagt, rückt die Opfergaben in ein neues Licht. So absolut neu und anders stellt sich alles dar, dass er seine Jünger zusammenrufen und ihnen eine Lehrstunde erteilen muss, eine Lehrstunde über das Reich Gottes und die Opfer, durch die es am meisten gefördert und vorangebracht wird. Auch ich habe diese Lehrstunde wieder nötig, damit ich die Groschen und die Pfennige beim Opferzählen anders ansehe. Woher will ich denn wissen, aus welchem Geldbeutel, aus welcher Hand sie stammen, aus welchen Verhältnissen heraus sie gegeben wurden? Woher will ich denn wissen, ob sie nicht aus Kinderhand stammen und von einem kleinen Taschengeld erübrigt wurden? Woher will ich denn wissen, ob sie nicht von einem wirklich armen Menschen stammen? Solche soll es ja auch heute und bei uns geben, und es gibt sie tatsächlich!

Nur – bei allem Respekt vor der Opferbereitschaft eines bettelarmen Menschen, wie es diese Witwe in der Geschichte war –, ihre zwei Scherflein machen, wie man so sagt, ‚den Kohl nicht fett’. Sie sind doch gegenüber den stattlichen Beträgen, die von den vielen reichen Gottesdienstbesuchern eingelegt wurden, wirklich bedeutungslos. Was zählt dieser Pfennig gegenüber hunderten von Mark? Man wird ihn zwar auf der Kirchenpflege säuberlich mitverbuchen, aber schon bei den Abkündigungen wird er unter den Tisch fallen. Scharf gesagt, diese arme Frau hätte ihr Opfer, das sie sich so viel kosten ließ, genau so gut bleiben lassen können oder?

‚Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die eingelegt haben. Denn sie haben alle von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut alles, wovon sie lebte, ihr ganze Habe eingelegt.’ So sagt Jesus. Wörtlich heißt es im griechischen Urtext: ‚Sie hat ihr ganzes Leben eingelegt.’’ ‚Wahrlich, ich sage euch’ – so leitet Jesus Aussagen ein, die etwas besonders Wichtiges und zugleich Unerwartetes ausdrücken. Was ist nun hier das Wichtige und zugleich Unerwartete? Ich denke, es sind zwei Dinge:

  1. Wenn man weiß, was man ja nicht wissen kann, dass es der letzte Pfennig war, den diese Witwe oder sonst ein armer Mensch für die Sache Gottes hingegeben hat, dann wird klar, dass diese Winzigkeit von einem Pfennig für diesen Menschen ein wirklich großes Opfer war. Ein tatsächlich größeres Opfer als es die größten Scheine für die Reichen waren. Insofern hat die arme Witwe tatsächlich mehr eingelegt als alle anderen.
  2. Aber Jesus sagt nicht nur, es sei für die arme Witwe mehr gewesen als die großen Scheine für die Reichen. Sie hat mehr eingelegt als alle, sagt er. Und damit sind wir beim zweiten, was nun noch viel wichtiger und unerwarteter ist. Der Pfennig der Witwe ist nicht nur bezogen auf sie und ihre Verhältnisse, sondern auch unabhängig davon der höchste Opferbetrag, der gegeben wurde. Mit diesem Pfennig ist für das Reich Gottes das Größte geschehen an diesem Tag. Er zählt mehr als alle anderen Gaben. Der größte Segen wird von dieser Gabe ausgehen – obwohl man, menschlich gerechnet, mit einem Pfennig sozusagen nichts anfangen kann. …

Zum Schluss noch ein kleines Erlebnis, das in diesen Zusammenhang gehört. Ich hatte mich dazu entschieden, ein junges Missionarsehepaar zu unterstützen und beauftragte meine Bank, vierteljährlich einen Betrag zu überweisen. Zum ersten und m.W. einzigen Mal in meiner Bankbeziehung kam es in diesem Fall zu einem Bankirrtum. Meine Bank buchte den Betrag nämlich monatlich ab statt vierteljährlich. Ich kam dann ins Nachdenken und schließlich zu der Überzeugung, dass Gott wohl meiner Opferbereitschaft etwas nachhelfen wollte. Und so ließ ich die Bank in Gottes Namen gewähren. …“

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