Im Griff?

„Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viel Weise nach dem Fleisch …“ – 1 Kor 1,26

(Predigt) „… bei einer Jahrgangsfeier kam ich mit einem meiner ehemaligen Schulkameraden ausführlicher ins Gespräch. Er hatte Betriebswirtschaft studiert, dann das elterliche Geschäft übernommen und es erfolgreich ausgebaut. Ich sollte bei dem Treffen einen Gottesdienst halten. So kam die Rede auch auf Glaube, Kirche, Christsein. Mein Freund, der Geschäftsmann sagte, er halte die Kirche und den Glauben für sehr wichtig. Nicht so sehr allerdings im Blick auf sich selber. Er selber brauche das alles eigentlich nicht. Er habe sein Leben im Griff. Aber es gebe ja so viele Menschen, die mit dem Leben nicht zurechtkommen, die mehr oder weniger schwach sind und einen Halt suchen. Und für sie seien Glaube, Kirche, Christentum doch das einzig Richtige und man könne nur froh sein, dass es das gibt. …

Der Geschäftsmann hatte nicht ganz unrecht …

O doch, es gibt sie, den Geschäftsmann, den Unternehmer, den Handwerksmeister, die Chefsekretärin, den leitenden Angestellten, den Ministerialrat, den Facharbeiter, den Bundestagsabgeordneten, die Professorin, den Fußballstar, den Golfprofi, den Künstler, an die Gottes Berufung ergangen ist und die ihr gefolgt sind – die sich nicht zu schade waren, ihr zu folgen. Aber es sind nicht viele von diesen in den Augen der Welt Tüchtigen, Starken. Die Mehrzahl der Gemeindeglieder rekrutiert sich aus anderen Menschen, aus kleinen Leuten, wie man sagt, aus solchen, die schon einmal mit ihrem Latein, mit ihrer Weisheit am Ende waren und es vielleicht immer wieder sind – in dieser oder jener Hinsicht. Menschen, die einiges mit- und durchgemacht haben; geschwächte Menschen; Menschen, die in den Augen der Welt nur eine bescheidene Figur abgeben und keine besondere Beachtung verdienen, Menschen, mit denen man keinen Staat machen kann. Bevorzugt auch sogenannte ‚gescheiterte Existenzen’ hat Gott erwählt: Menschen, die versagt hatten; Menschen, die auf Abwege geraten waren; Menschen, die tief gesunken waren und die davon vielleicht noch ihr Leben lang gezeichnet bleiben. …

Die Gemeinde Jesu setzt sich zusammen aus Menschen, denen eigene Weisheit, Macht, Ansehen, Größe, Geltung und zwar gerade auch in religiöser Hinsicht nichts mehr bedeuten. Gott ist erst dann am Ziel mit uns, wenn wir alle eigene Größe, alles Selbst-stark-sein-wollen abgelegt haben; wenn wir allem eigenen Weisheits-Stolz den Abschied gegeben haben; wenn wir endgültig aufgehört haben zu meinen, es doch noch selbst recht machen zu können mit unserem Leben. Gott muss die Weisen dieser Welt mit ihren Erfolgsrezepten zuschanden machen. Er muss zuschanden machen, was sich stark gibt. Er muss zuschanden machen, was etwas sein und gelten will: ‚ … damit sich kein Mensch vor Gott rühme’. Das Ur-Übel, dass der Mensch sich selbstmächtig vor Gott behaupten und mit seinem Leben rechtfertigen will, muss aus der Welt geschafft werden. …“

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