Das Evangelium – Jesus Christus – für Juden?!

Anfang der 1970er Jahre hörte ich einen Vortrag von Alfred Burchartz, Geschäftsführer des 1971 mit ausdrücklicher Unterstützung der Leitung der württ. Landeskirche gegründeten Evangeliumsdienstes für Israel (edi). Der Mann übte eine eigentümliche Faszination auf mich aus; später erfuhr ich, dass er selbst jüdischer Christ (in heutiger Diktion: messianischer Jude) war. Von Stund an ließ mich das Thema nicht mehr los. In der Bibel, gerade auch im NT ist das jüdische Volk ja durchgehend im Fokus. Das erfuhr jetzt für mich eine ungeahnte Aktualisierung. Es veränderte und prägte mein theologisches Denken nachhaltig und führte dazu, dass ich mich auch entsprechend äußerte, wenn es um das zunehmend umstrittene Thema „Judenmission“ ging. Ich wurde dann in den Trägerkreis des edi berufen und war schließlich 10 Jahre lang dessen Vorsitzender.

Mir wurde bewusst, dass die Sendung Jesu, wie sie in den Evangelien beschrieben wird, von A bis Z und in erster Linie sozusagen ein judenmissionarisches Projekt des Gottes Israels war/ist. Maria, die jüdische Mutter Jesu, erfährt über ihren Sohn: „Gott, der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit …“ (Lk 1,33); in ihrem Lobgesang heißt es: „Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf …“ (1,54). Zacharias singt anlässlich der Geburt des Vorläufers, Johannes des Täufers: „Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk …“ (1,68). Es geht also von vornherein um Israel, nach dem Matthäus-Evangelium zunächst sogar ausschließlich: „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“ (Matth 15,24). Im Prozess vor dem Hohen Rat bekennt Jesus, „der Christus“ (Matth 26,63f) zu sein, also der verheißene Messias Israels, und er stirbt am Kreuz als der „König der Juden“. Vor seiner Himmelfahrt weist Jesus seine Jünger, die er als seine Zeugen aussendet, ausdrücklich an, „in Jerusalem und in ganz Judäa“ zu beginnen (Apg 1,8). Bei der Gründung der Kirche am ersten Pfingstfest in Jerusalem wendet sich Petrus mit den übrigen (jüdischen) Jüngern ausdrücklich an die Juden (Apg 2,14), ruft sie auf, Buße zu tun und sich auf den Namen Jesu Christi taufen zu lassen (2,38) und erklärt später im Tempel: „Für euch zuerst hat Gott seinen Knecht Jesus erweckt und hat ihn zu euch gesandt, euch zu segnen …“ (3,26).

Besonders bemerkenswert: Die Apostel Petrus und Johannes müssen sich wegen ihres Christuszeugnisses gegenüber dem (sc. jüdischen) Volk vor dem Hohen Rat verantworten (Apg 4,1ff), der ihnen dann unter Strafandrohung untersagt, im Namen Jesu zu lehren. Später werden sie sogar ins Gefängnis geworfen (Apg 5,18), aber vom Engel des Herrn befreit. Vor dem Hohen Rat erklären sie dann: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29). Dieser vielzitierte biblische Grund-Satz hat also seinen „Sitz im Leben“ in der Auseinandersetzung über die Judenmission! – Dazu aktuell: Nicht zuletzt auf Grund der hartnäckigen Forderungen des „Zentralrats der Juden“ hat die EKD-Synode sich 2016 gegen Judenmission positioniert. Wiederholt sich hier urchristliche Geschichte, allerdings mit gegenteiligem Ausgang?

Bedeutsam war für mich sodann, mir bewusst zu machen, dass Jesus seine Jünger im Matthäus-Evangelium und dem Sinn nach auch in den anderen synoptischen Evangelien zwei mal dazu aussendet, das Evangelium weiter zu tragen, und zwar mit unterschiedlicher Ausrichtung:

1. Matth 10,5f: „Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht in keine Stadt der Samariter, sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Haus Israel …“. Auch die Sendung der Jünger mit dem Auftrag, das Evangelium zu verkünden, gilt also – mindestens zuerst und zunächst – ausschließlich den Juden!

2. Im „Missionsbefehl“ Matth 28,19 wird die Sendung dann in bedeutsamer Weise ausgeweitet: „Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker …“. Mit den „Völkern“ (‚ethnä’) sind eindeutig die Heiden, also die nichtjüdische Menschheit, gemeint.

Dieser doppelten Ausrichtung der Sendung der Jünger, zuerst zu den Juden und dann auch zu den Heiden, entspricht die Aussage des Paulus Röm 1,16: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und auch die Griechen“, wobei „zuerst“ im Sinn von „vorrangig“ zu verstehen ist (so die Exegeten übereinstimmend). Zum Letzteren vgl. auch Jesu Klage über Jerusalem (Matth 23,37ff par, Luk 19,41ff) und Jesu Gleichnisse vom Großen Abendmahl (Luk 14,16-24 par) und von den bösen Weingärtnern (Matth 21,33ff parr).

Der Jude und Christenverfolger Paulus wurde bekanntlich vom erhöhten Christus selbst „missioniert“ (besser: „evangelisiert“) und in Dienst genommen (Apg 9). Auch er, der spätere Heiden-Apostel (Röm 11,13), hat sich durchgehend zuerst und zunächst an Juden gewandt (Apg passim). In den ersten Kapiteln des Römerbriefs weist er nach, dass der Jude genau so erlösungsbedürftig ist wie der Heide. Röm 3,22f: „Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.“ Zutreffend dazu die Erklärung in: „Die Bibel in heutigem Deutsch mit Erklärungen und Bildern“, 1983, Neues Testament, S. 197: „Für Paulus steht fest, dass ohne die Gnade Gottes, die Christus gebracht hat, alle Menschen dem Strafgericht Gottes und damit dem ewigen Tod verfallen sind. In Röm 1,18-3,20 sucht er das nachzuweisen, und zwar in auffälliger Hartnäckigkeit nicht nur für die ‚Heiden‘, die nichtjüdischen Völker, sondern ebenso für das Volk der Juden. Denn an der Frage, ob auch die Juden Jesus Christus als Erlöser nötig haben, entscheidet sich für ihn das Verständnis des Evangeliums als der Guten Nachricht von Jesus Christus überhaupt. …“
Gal 2,15f
betont Paulus: „Wir sind von Geburt Juden und nicht Sünder aus den Heiden. Doch weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Jesus Christus gekommen …“.
Philipper 3,3ff
blickt Paulus auf sein Leben in der Gesetzesfrömmigkeit der Pharisäer zurück: „… nach der Gerechtigkeit, die das Gesetz fordert, untadelig gewesen. Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. … Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck (eigentlich: Fäkalien), damit ich Christus gewinne …“. 2 Kor 3,14ff sagt Paulus: „Denn bis auf den heutigen Tag bleibt diese Decke unaufgedeckt über dem Alten Testament, wenn sie (die Israeliten) es lesen, weil sie nur in Christus abgetan wird. Wenn Israel sich aber bekehrt zu dem Herrn, so wird die Decke abgetan“. Röm 9-11 klagt Paulus um seine jüdischen Brüder, die einerseits mit einzigartigen Heilsgaben gesegnet sind, andererseits aber das Heil in Jesus Christus verfehlen (vgl. Jesu Klage über Jerusalem Lk 19,41ff – hier auch die Grundlage für die Darstellungen der blinden Synagoge und der sehenden Kirche in der kirchlichen Kunst). Paulus bezeugt ihnen, dass sie „Eifer für Gott“ haben, „aber ohne Einsicht“; sie suchen weiterhin „ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten und sind so der Gerechtigkeit Gottes nicht untertan. Denn Christus ist des Gesetzes Ende; wer an den glaubt, der ist gerecht“ (10,2ff). Dass Gott deswegen nun sein Volk Israel verstoßen haben könnte, weist er mit allem Nachdruck zurück. Der sichtbare Beweis dafür sind er selbst und die ganze judenchristliche Gemeinde als der heilige Rest wie zu Elias Zeiten (11,1ff), als die „Erstlingsgabe vom Teig“, die den ganzen Teig heiligt (11,16). Ja, die derzeitige Verstockung, der Ungehorsam Israels kommt dank der unauslotbaren Weisheit Gottes den Heiden zugute, bis, nachdem „die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist“, dann endlich auch „ganz Israel gerettet“ werden wird (11,25f).

Die evangelischen Landeskirchen in Deutschland haben sich inzwischen mit Synodalbeschlüssen gegen Judenmission ausgesprochen, lehnen „organisierte Judenmission“ oder auch „Judenmission in jeder Form“ ab; anderslautende Gutachten von theologischen Fakultäten wurden dabei übergangen (z.B. in der Rheinischen Kirche). Ähnlich die EKD in ihren Verlautbarungen zum Thema Kirche und Israel. Ich habe dafür Verständnis, sofern die Belastung durch den Holocaust und der Druck von Seiten des jüdischen Partners im christlich-jüdischen Gespräch dafür ursächlich sind. Kein Verständnis habe ich dafür, sofern man meint, sich dabei auf die Bibel berufen zu können.

(Predigt, 1995) „… Mir persönlich, der ich mich für die Bezeugung des Evangeliums unter Juden einsetze im Evan­geliumsdienst für Israel, geben Angriffe zu denken, die auch von einer kirchlichen Gruppierung in Württemberg gegen diesen Dienst kommen. Der Lei­tungskreis dieser Gruppierung hat erst jetzt ein solches Bemühen gegenüber Juden als ‚unchristlich’, als ‚Ausdruck zynischer Arroganz mit einer besonderen, völlig unevangelischen Lieblosigkeit’ bezeichnet und fordert, die Kir­chenleitung solle ihre Unterstützung für diesen Dienst rasch beenden.“

Verwiesen sei in diesem Zusammenhang noch auf Gal 2,7f, wo Paulus schreibt: „… da sie sahen, dass mir anvertraut war das Evangelium an die Heiden so wie Petrus das Evangelium an die Juden – denn der in Petrus wirksam gewesen ist zum Apostelamt unter den Juden, der ist auch in mir wirksam gewesen unter den Heiden –…“. Demnach gab es also in der Urchristenheit zwei von höchster Stelle aus, nämlich vom Herrn selbst angewiesene, amtlich-organisierte und voneinander unterschiedene Evangeliums-Dienste, den einen für die Juden, den anderen für die Heiden – eine einschlägige Dienstanweisung für die Kirche aller Zeiten.

Verwiesen sei des Weiteren z.B. auf Epheser 2,11ff. Aus diesen Versen geht eindeutig hervor, dass die christliche Gemeinde, die Kirche Jesu Christi, konstitutiv aus (bekehrten) Juden und Heiden besteht, aus solchen, die vorher „nahe“, und aus anderen, die „ferne“ waren. „Er (sc. Christus Jesus) ist unser Friede, der aus beiden eines gemacht hat … Durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater.“

Die seit etwa zwei Jahrzehnten auch in Deutschland wachsende Bewegung der „Messianischen (= Jesusgläubigen) Juden“ ist ein Faktum, das nicht mehr übersehen werden kann und allmählich von den Kirchen auch zur Kenntnis genommen wird – hoffentlich.

Dazu neuerdings Äußerungen von Präses Nikolaus Schneider, der im Herbst 2010 als neuer Ratsvorsitzender der EKD in einem Interview u.a. gefragt wurde: „Wie beurteilen Sie die messianischen Juden, die an Jesus als ihren Heiland glauben?“
Schneider: „Sie sind ein großes Geschenk für die Kirche. Sie machen es möglich, dass wir, wie es etwa im Epheserbrief gesagt wird, eine Kirche aus Juden und Heiden sind. Wir haben viel zu wenige messianische Juden, wir sind ja praktisch eine Heidenkirche. Sie machen unsere Kirche vollständig. Mit der Judenmission im engeren Sinn tue ich mich freilich schwer. Der Bund Gottes mit Israel ist nicht gekündigt, also müssen wir den Juden nicht Gott erklären. Aber wir haben ihnen Christus zu bezeugen – auch als Messias Israels. Auch für Jüdinnen und Juden geht der Zugang zu Gott nicht an Christus vorbei. Vielleicht an der Kirche vorbei, aber nicht an Christus“ (zitiert nach Idea-Spektrum, Ausgabe vom 17.11.2010, S. 17). Dies entspricht genau den Vorstellungen, die der Evangeliumsdienst für Israel schon immer von der Sache hatte, auch und gerade in dem Punkt, dass Juden„mission“ natürlich etwas völlig anderes ist als Heidenmission.
Ich persönlich könnte allerdings die Kirche, die doch ein Werk des Hl. Geistes und der Leib Christi ist, unter keinen Umständen auf die Seite schieben, wie Schneider es in seinem letzten Satz erwogen hat.

Anmerkung: Messianische Juden bezeichnen sich als „Gläubig-gewordene“ bzw. als „Gläubige“, auch wenn sie aus dem frommen Judentum kommen und vielleicht sogar streng religiös waren. Zum Glauben im spezifischen Sinn haben sie erst bei Jesus Messias gefunden: zu dem Glauben nämlich, der an die Stelle frommer Gesetzeswerke tritt und von Gott zur Gerechtigkeit angerechnet wird (Röm 3,28; 4,5). – Es gibt viel Religiosität in der Welt bis hin zur jüdischen, die in der Bindung an den lebendigen Gott lebt. „… Aber nur der Christ glaubt. Nur er steht in dieser einzigartigen Freiheit, dass er nur noch ‚ja, bitte’ zu sagen braucht, wenn sein himmlischer Vater ihn fragt: ‚Soll das, was ich in Jesus Christus für dich getan habe, auch für dich getan sein?’ ‚Amen, ja, es soll geschehen’ – das ist die neue, wunderbare Weise des Glaubens“ (Predigt).

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