Souverän

„ … und er trug sein Kreuz“ – Joh 19,17

Im Unterschied zur Darstellung bei den Synoptikern, wo Simon von Kyrene dazu rekrutiert wird, für Jesus das Kreuz zu tragen, heißt es bei Johannes lapidar: „… und er trug sein Kreuz“. Dies ist einer von zahllosen Hinweisen in der johanneischen Schilderung der Passion Jesu, die Jesu Souveränität auch im Leiden herausstreichen. Jesus ist auch auf dem Weg ans Kreuz jederzeit Herr der Lage, ja, er ist der in Wahrheit Handelnde, der seinen Weg in unanfechtbarer Hoheit geht, bis er schließlich das Ziel seiner Sendung erreicht hat: „Es ist vollbracht“. Vgl. Joh 10,17f: „Darum liebt mich mein Vater, weil ich mein Leben lasse, dass ich’s wieder nehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich selber lasse es, und habe Macht, es wiederzunehmen.“

Nach der traditionelle Zuordnung der vier Wesen am Thron Gottes (Offb 4,7 vgl. Hes 10,14) zu den vier Evangelien gehört zum Johannesevangelium der Adler (vgl. Reichs-Adler; Bundes-Adler), das Souveränitäts-Emblem schlechthin – in Übereinstimmung mit der in diesem Evangelium durchgehenden Charakterisierung Jesu als des souverän Handelnden.

Ähnlich treffend für die jeweilige Charakterisierung Jesu und seines Wirkens in den betreffenden Evangelien sind die übrigen Zuordnungen: Löwe zu Markus (Jesus als Dämonenbezwinger), Stier (Jesus als der sich Opfernde) zu Lukas und Menschengestalt zu Matthäus (Jesus, der Menschensohn).

(Predigt zu Joh 18,1ff) „… Jesus begibt sich mit seinen Jüngern, wie so oft, am Abend in den Garten Gethsemane am Ölberg. Dabei weiß er doch, dass Judas, sein abtrünniger Jünger, unterwegs ist und Gelegenheit sucht, ihn zu verraten, ihn an die Mächtigen des Hohen Rats auszuliefern. Er muss jetzt doch auf der Hut sein; er muss sich mit äußerster Vorsicht bewegen. Denken wir an Salman Rushdie, den islamischen Dichter, der auf der Todesliste steht. Kein Mensch kennt seinen Aufenthalt! Wenn Jesus seine Gewohnheiten beibehält, hat der Verräter leichtes Spiel. Und nun will es tatsächlich das Unglück, dass Jesus sich ausgerechnet an diesem Abend wieder in diesen Garten begibt.

Nein, liebe Gemeinde! Nicht das Unglück, er will es so! Er will es – in königlicher Unabhängigkeit von den Gegnern und ihren Machenschaften. Und er gibt damit uns ein Beispiel, wie wir es halten sollen, wenn uns, seiner Gemeinde, Menschen und Mächte entgegenstehen, wenn Verrat umgeht. Auch wir brauchen uns nicht einschüchtern zu lassen. Es wird geschehen, was Gott will; auch wir können dann stark sein und ja dazu sagen.

Das Zweite: Als nun Judas die römischen Soldaten und die jüdische Tempelwache im Schutz der Dunkelheit heranführt, Fackeln leuchten und Waffen klirren, scheint die Stunde des Verräters gekommen zu sein. Aber es ist nicht so. Jesus führt Regie, niemand sonst. Im vollen Wissen darüber, was ihm begegnen wird, tritt er von sich aus aus der Umfriedung des Gartens heraus, stellt sich dem Verhaftungskommando, fragt, wen sie suchen und erklärt, er sei es. ‚Judas, der ihn verriet, stand auch dabei’ heißt es – ‚stand auch dabei’, so werden Statisten-Rollen beschrieben. Der Verräter ist zum Statisten geworden. Herr des Geschehens ist das Opfer, ist Jesus.

In welchem Maß, das zeigt uns das Dritte: ‚Als nun Jesus zu ihnen sagte: Ich bin’s, wichen sie zurück und fielen zu Boden.’ In diesem Augenblick zeigt sich, dass sie in Jesus den Gottessohn vor sich haben, dessen Majestät sie zum Fußfall zwingt. Erstaunlich, dass sich das gerade jetzt zeigt, wo er ihnen doch ausgeliefert ist und wo ihm bald jegliche Herrlichkeit abgeht – jedenfalls nach menschlichem Ermessen. In Wirklichkeit wird er eben jetzt, mit dem Beginn seines Leidens und Sterbens der Herr der Herrlichkeit, der seine größte Tat tut, und vor dem sich früher oder später aller derer Knie beugen, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.

Eine vierte Bestätigung der Souveränität Jesu: noch einmal bekennt er sich ausdrücklich zu seiner Identität; keinerlei Ausflüchte; kein Abstreiten. Wie schnell sind Menschen dabei, abzustreiten, beispielsweise, dass sie es waren, die in dem geblitzten Auto am Steuer saßen. Anders Jesus, der noch dazu ohne jede Schuld ist. ‚Ich habe euch gesagt, dass ich es bin.’ Und dann: ‚Sucht ihr mich, so lasst diese gehen.’ Eine Bitte an das Verhaftungskommando? Nein, eine Anweisung, eine Anordnung. Der Herr ordnet für seine Jünger freien Abzug an. Er ist es, der die Dinge in der Hand hat. Er hat zu gebieten, niemand sonst.

Die Gefängniswärter im nationalsozialistischen Gefängnis in Berlin sagten von dem dort inhaftierten und später hingerichteten Häftling Dietrich Bonhoeffer, er trete aus seiner Zelle wie einer, der zu gebieten habe. – Und wie Jesus gebietet, so geschieht’s. Für sich selbst will er keine Schonung, aber für die anderen, die zu ihm gehören, ordnet er sie an. Den schweren Weg geht er allein; auch dies ein königliches Zeichen. …“.

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