Zungenrede live – Charismatische Bewegung

Schon immer erweckten biblische Aussagen über die geistgewirkte Zungenrede meine Aufmerksamkeit und machten mich nachdenklich. An solchen Aussagen fehlt es wahrlich nicht: Von Apg 2,4; 4,31; 10,44ff; 19,6 über Röm 8,26, 1 Kor 12,10.28ff bis zu 1 Kor 14 – fast ein ganzes Kapitel über Zungenrede, allerdings überwiegend kritisch; 14,18 sagt Paulus dann aber doch von sich selbst: „Ich danke Gott, dass ich mehr in Zungen rede als ihr alle.“

Wenn Menschen den Hl. Geist empfingen, gefiel es diesem offenbar, sich vorzugsweise in der Gabe der Zungenrede zu äußern, so die Angaben in der Apostelgeschichte, wobei die Angaben in Apg 2 merkwürdig schillern: Auf der einen Seite führte das Zungenreden der Apostel zu einem „globalen“ Verstehen in der jeweiligen Muttersprache (2,6ff), auf der anderen Seite wurde es als eine Art Lallen wie bei Betrunkenen wahrgenommen (2,13). In der um die Mitte des 20. Jahrhunderts aufkommenden „Charismatischen Bewegung“ schienen sich neutestamentlich bezeugte Phänomene der Geistbegabung, darunter die Zungenrede und die Prophetie, zu aktualisieren.

Tatsächlich habe ich dann Zungenrede authentisch erlebt. Erstmals begegnete mir das Phänomen in Gestalt von Zungen-Gesang bei Segnungsgottesdiensten einer charismatischen Gruppierung, der wir unsere Kirche (die Pauluskirche in Fellbach) zur Verfügung stellten. Am eindrücklichsten war für mich die Erfahrung beim Besuch einer etwa 80jährigen Seniorin unserer Gemeinde. Wie immer sprach ich gegen Ende meines Besuchs noch ein Gebet und, ebenfalls wie immer, betete sie dann auch noch selbst. Ich wusste, sie konnte beten; es strömte bei ihr nur so. Aber diesmal kam es noch anders: Auf einmal ging ihr Gebet über in Zungenrede, in eine unverständliche, aber zugleich feierliche Sprachform. Hinterher sagte sie mir, sie habe Gott um diese Gabe gebeten und sie dann tatsächlich im Alter noch erhalten. Sie mache davon aber niemals in der Öffentlichkeit Gebrauch; das Sprachengebet (wie Zungenrede auch bezeichnet werden kann) diene ihr ausschließlich zur persönlichen Erbauung – wie es der Beschreibung in 1 Kor 14,4 entspricht. Ganz ausnahmsweise habe sie die Zungenrede in meiner Gegenwart praktiziert, da sich über die Jahre zwischen ihr und mir eine besondere geistliche Vertrautheit und Verbundenheit eingestellt habe.

Ein weiteres Mal erlebte ich Zungenrede in einem Gottesdienst der „Volksmission entschiedener Christen“, den die Zuffenhausener Gemeinde in Stuttgart-Weilimdorf hielt. Da ging es so zu wie Paulus es 1 Kor 14,23 beschreibt: „Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, ihr seid von Sinnen?“

Die charismatische Bewegung insgesamt, vor allem in Gestalt der durchaus nüchternen „Geistlichen Gemeindeerneuerung“ hat mich beeindruckt, und ich habe immer noch die Hoffnung, dass von ihr eine Erneuerung und Belebung der Kirche ausgeht. Leider ist es in letzter Zeit eher wieder still um sie geworden. Einige Jahre gehörte ich einem landeskirchlichen Arbeitskreis an, der die Bewegung begleiten und beobachten und darüber Auskunft geben sollte. Auch veranstaltete ich in meiner Gemeinde in Stuttgart-Weilimdorf zusammen mit Interessierten einen „Lobpreis-Abend“, der aber keinen nennenswerten Zuspruch fand.

Mancherorts haben charismatische Aktivitäten freilich zu höchst bedauerlichen und schmerzlichen Spaltungen in Kirchengemeinden geführt. Der an sich wünschenswerte geistliche Aufbruch hatte ein gravierendes Defizit: Neu auftretende Gaben wie die Zungenrede wurden überschätzt, und es fehlte an der liebevollen Würdigung der seitherigen Gemeindeaktivitäten. Der Leiter eines englischen Partnerwerks des Evangeliumsdienstes für Israel, der in allen Kontinenten unterwegs war, sagte mir einmal sogar, wo immer in der Welt die charismatische Bewegung auftrete, führe dies zu Spaltungen. 1 Kor 13,1 nimmt Paulus zweifellos Bezug auf die Zungenrede: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle.“

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