Vergebung, Opfer, Sühne, Leib und Blut Christi

„Blut macht nicht rein“ (angeblich eine Aussage von Kurt Marti). Diese Behauptung machte der Gemeindepfarrer, bei dem ich Organistendienst hatte, einmal zu einem Schwerpunkt seiner Karfreitagspredigt (ca. 2007) und führte dann aus, dass nicht etwa Sühne für die Schuld der Welt der Sinn des Todes Jesu gewesen sei. Der Tod Jesu habe andere Hintergründe. In diesem Gottesdienst wurde dann auch das Hl. Abendmahl gefeiert.
In diesem Fall konnte ich nicht an mich halten und wandte mich hinterher an meinen Pfarrer, den ich ansonsten als Prediger hoch schätze. Ich verwies auf 1 Johannes 1,7: „… und das Blut Jesu, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde.“ Ich fragte ihn, ob ihm nach dieser Predigt nicht hinterher bei der Feier des Hl. Abendmahls die Einsetzungsworte eigentlich hätten im Hals stecken bleiben müssen: „… das ist mein Blut des Neuen Bundes, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ Er antwortete, er wolle sich die Sache noch einmal neu überlegen.

Häufig wird auf Bibelstellen wie etwa Ps 103, 1ff verwiesen: „Lobe den Herrn, meine Seele, … der dir alle deine Sünden vergibt und heilet alle deine Gebrechen“ und damit die Behauptung verbunden, Gott vergebe offensichtlich aus freien Stücken, und sein Vergeben sei an keinerlei sonstige Erfordernisse geknüpft. Dabei wird der alttestamentliche Zusammenhang, in den die Psalmen natürlich hineingehören, schlicht übersehen. In diesen Zusammenhang gehört zweifellos und zentral das ganze Opfer-Wesen, das die Mitte des Gottesdienstes Israels ausmacht. Unübersehbar dabei ist die Rolle, die das Blut, das Opfer-Blut spielt. Und das heißt dann doch: Wenn wir solchen Aussagen wie in Ps 103 gerecht werden wollen, dann müssen wir die Vergebung, die Gott seinem Volk gewährt, zusammendenken mit dem Opferdienst, der diesem Volk als ständige, ja sogar tägliche Aufgabe (Tamid-Opfer, 2 Mose 29,42ff), aufgetragen ist.

Natürlich ist zunächst an den Auszug Israels aus Ägypten, an die Passah-Nacht zu denken, in der die Israeliten ein Lamm schlachten und dessen Blut an die Türpfosten und die obere Schwelle streichen sollen. „Dann aber soll das Blut euer Zeichen sein an den Häusern, in denen ihr seid: Wo ich das Blut sehe, will ich an euch vorübergehen, und die Plage soll euch nicht widerfahren …“ (2 Mose 12,13).

Beim Bundesschluss am Sinai spielt das Blut von Opfertieren eine besondere Rolle: „Da nahm Mose das Blut und besprengte das Volk damit und sprach: Seht, das ist das Blut des Bundes, den der Herr mit euch geschlossen hat …“ (2 Mose 24,8).

Einschlägig ist dann vor allem das 3. Buch Mose. 3 Mose 4f: Gesetz über Sündopfer. Verfahren mit dem Blut: Verse 5ff, 16ff, 25, 30, 34, Kap. 5,9. „So soll der Priester die Sühnung für sie vollziehen, und ihnen wird vergeben“ (3 Mose 4,20; ebenso Verse 26, 31, 35 usw.). 3 Mose 6,23: „… Sündopfern, von deren Blut etwas in die Stiftshütte gebracht worden ist, um die Sühnung zu vollziehen im Heiligen …“
Vgl. 3 Mose 16: Gesetz über den großen Versöhnungstag. Auch hier spielt das Opfer-Blut für die Entsühnung der Gemeinde Israel wieder die zentrale Rolle, Verse 14ff. Außerdem bedarf es an dieser Stelle des „Sündenbocks“ (Verse 7ff, 15ff, 20ff): „… dass also der Bock alle ihre Missetat auf sich nehme und in die Wildnis trage“.

Über die Tier- und sonstigen Opfer hinausgehend handelt Jesaja 53 vom Gottesknecht, der zum Allerverachtetsten und Unwertesten wird, „um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen … Als er gemartert wurde, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird …“. Ein Sühnevorgang besonderer Art und Qualität kündigt sich hier an.

„Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt“ sagt Johannes der Täufer von Jesus, Joh 1,29.
Jesus selbst spricht von sich, dem Menschensohn Matth 20,28: „ … so wie der Menschensohn nicht gekommen ist, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung (wörtlich: als Lösegeld) für viele.“ Damit korrespondieren die Einsetzungsworte Jesu beim Hl. Abendmahl über seinen Leib und sein Blut. Dazu ganz massiv Jesus, Joh 6,51ff: „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. … Und dieses Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt. … Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht das Fleisch des Menschensohns esst und sein Blut trinkt, so habt ihr kein Leben in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben …“

Paulus über die Bedeutung Jesu und seines Weges: „Den hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit …“ (Röm 3,25). „Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ (Röm 8,32). 1 Kor 15,1ff erinnert Paulus an das Evangelium und zitiert dann ein urchristliches Bekenntnis, das ihm selber tradiert wurde: „Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden (hyper toon hamartioon hämoon) nach der Schrift …“. Dazu 1 Joh 4,10: „Darin besteht die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsere Sünden (hilasmon peri toon hamartioon hämoon).“ Dazu Eph 1,7: „In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade“.

Eindeutig auch 1 Petr 1,18f: „Ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid …, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes“, so wörtlich von Luther in die Erklärung des zweiten Glaubensartikels im kleinen Katechismus übernommen: „Ich glaube, dass Jesus Christus … sei mein Herr, der mich verlorenen und verdammten Menschen erlöst hat, erworben und gewonnen von allen Sünden, vom Tod und von der Gewalt des Teufels, nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heiligen, teuren Blut und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben …“.

In Hebr 9 wird ausdrücklich an den Großen Versöhnungstag im AT angeknüpft und Christus gepriesen als der wahre Hohepriester, der „durch sein eigenes Blut ein für allemal in das Heiligtum eingegangen“ ist und „eine ewige Erlösung erworben“ hat (9,12). In den folgenden Versen wird die Bedeutung des Blutes und damit des Todes Jesu für das Erlösungswerk näher erläutert. Da heißt es dann auch: „Und es wird fast alles mit Blut gereinigt nach dem Gesetz, und ohne Blutvergießen geschieht keine Vergebung“ (9,22). Und: „Nun aber, am Ende der Welt, ist er (Christus) ein für allemal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben“ (9,26). Hebr 10,19: „Weil wir denn nun … durch das Blut Jesu die Freiheit haben zum Eingang in das Heiligtum …“

Schließlich ist auf das letzte Buch der Bibel zu verweisen, die Offenbarung des Johannes, in dem das „Lamm“ gerühmt wird, denn „du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft“ (5,9). Dieses Lamm öffnet die Siegel (Kap. 6). Eine große Schar steht „vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern“ (7,9); von ihnen heißt es: sie „ … haben ihre Kleider hell gemacht im Blut des Lammes“ (7,14). „Selig sind, die zum Hochzeitsmahl des Lammes berufen sind“ (19,9).

Immer wieder wird heute von Theologen behauptet, diese Deutung der Sendung und des Todes Jesu (als Sühne oder Loskauf) sei nur eine unter verschiedenen im Neuen Testament. Nach meiner Wahrnehmung zieht sich diese Deutung vor dem Hintergrund des Alten Testaments, auf das ausdrücklich rekurriert wird, wie ein roter Faden durch das ganze Neue Testament. Ja, sie steht derart im Vordergrund der Aussagen, dass andere Deutungen geradezu ausgeschlossen erscheinen.

Die zentrale Positionierung des Altars in unseren Kirchen weist in die gleiche Richtung. Wie auch immer man den Altar funktionell umdeuten mag, er ist und bleibt als solcher ein Opfer-Tisch und sollte dazu dienen, uns das Opfer Jesu Christi immer neu zu vergegenwärtigen, am unmittelbarsten natürlich in der Feier des Hl. Abendmahls.

(Predigt) „… Nein, gewiss, an unseren Altären wird nicht mehr geopfert, in alle Ewigkeit nicht mehr. Aber der Altar steht immer noch da als unübersehbarer Hinweis auf das eine große Opfer, das im Leiden und Sterben unseres Herrn geschehen ist. Und deshalb stellen wir auf unseren Altar gerne ein Kreuz. Und wir legen darauf die offene Bibel, die uns die Heilstat bezeugt, die am Kreuz geschehen ist. Wir stellen Kerzen darauf, denn Jesus Christus ist das Licht der Welt. Und wir kommen bei der Abendmahlsfeier zum Altar, um uns an dem Opfer Jesu zu stärken zum Leben, zu einem befreiten, erlösten Leben, zu einem Leben mit Zukunft. Im Grund ist unser Anteil dabei nur eines: Der Dank für das, was Gott getan hat. Deshalb spricht man auch von der Eucharistie. Der Gottesdienst, besonders der Abendmahlsgottesdienst ist eine einzige Dankfeier. Deshalb heißt es auch im Lied: ‚Lasst und mit Freuden seinem Namen singen und Preis und Dank zu seinem Altar bringen.’ …“

(Predigt) „… So wichtig ist im übrigen der Altar ganz allgemein, dass er für die ganze Kirche stehen kann, als pars pro toto, wie der Lateiner sagt. Dies ist biblisch begründet, z.B. im 43. Psalm, den wir zusammen gesprochen haben: ‚ … dass ich hineingehe zum Altar Gottes, zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist.’ Wenn Brautpaare sich kirchlich trauen lassen, dann sagen wir: Sie treten vor den Trau-Altar. Die enge Verflechtung von Staat und Kirche in früheren Zeiten bezeichnen wir gerne als Verbindung von Thron und Altar. Im übrigen kommt der Begriff Altar wohl am häufigsten in jener Redensart vor, mit der man unverständliche Entscheidungen beschreibt: z.B könnte man jetzt über den jüngsten Beschluss der Grünen sagen: Sie haben die Vernunftlösung, nämlich ihre beiden Vorsitzenden im Amt zu behalten, auf dem Altar ihrer Prinzipientreue geopfert. Geopfert – damit sind wir wohl bei dem angekommen, was den Altar und seine Bedeutung tatsächlich ausmacht. …“

Hat die Evang. Kirche in Deutschland noch dieses Abendmahlsverständnis, vertritt sie noch diese Christologie? Ich habe da meine Zweifel und kann von daher durchaus nachvollziehen, dass die katholische Kirche dem Anliegen einer evang.-kath. Abendmahlsgemeinschaft sehr reserviert gegenüber steht (wobei mir bewusst ist, dass dafür von kath. Seite noch andere Gründe geltend gemacht werden).

Wichtig ist in diesem Zusammenhang die Aussage 2 Kor 5,19: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber …“. Nicht Gott also wird durch den Opfergang Christi mit der Welt versöhnt, sondern die Welt mit Gott; die Welt, die sich ins Unrecht gesetzt hat, so dass der Zorn Gottes über sie kommen musste. Der Zorn Gottes bedeutet nicht, dass Gott der Welt zum Feind geworden wäre und versöhnt werden müsste. Es handelt sich vielmehr um den „heiligen Zorn“ des unentwegt liebenden Schöpfers, den die Geschöpfe mit dem von ihnen begangenen Unrecht auf sich ziehen. Dieser Zorn allerdings wird durch das Opfer Christi gestillt. „Drum schickt Gott seinen Sohn herein, der selber Mensch ist worden; das ganze G’setz hat er erfüllt, damit seins Vaters Zorn gestillt, der über uns ging alle“ EG 342,3. Nicht Gott ist der Welt feind geworden, sondern wir ihm. „… wenn wir mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren …“ (Röm 5,10).

Vgl. auch Kol 1,19f (Schluss des Christus-Hymnus ab Vers 15): „Denn es hat Gott wohlgefallen, dass in ihm (sc. Christus) alle Fülle wohnen sollte und er durch ihn alles mit sich versöhnte (Allversöhnung?), es sei auf Erden oder im Himmel, indem der Frieden machte durch sein Blut am Kreuz.“

(Predigt) „… ‚Weg mit dem Kreuz’ – so über­schrieb sogar ein evangelischer Pfarrer seinen Beitrag für eine Lokalzeitung in der Passionszeit dieses Jahres. Gott aber hat den Gekreuzigten auferweckt und zum Herrn seines kommenden Reiches gemacht. Er misst ihm und seiner Heilstat am Kreuz einen unendlichen Wert zu. Dem entspricht, was Landesbischof Eberhardt Renz jetzt in der Landessynode erklärt hat. Ich zitiere einige Sätze: ‚Wir Christen müssen wieder neu lernen, Zeugen des Kreuzes zu sein. Das Kreuz stört viele. Auch innerkirchlich scheinen manche daran interessiert, das Kreuz auf die Seite zu schieben. Aber damit wird die Wirklichkeit des Bösen und der Sünde ausgeklammert. … Ich hoffe, dass (wieder) … deutlich wird, dass der Tod Jesu als Sühnopfer elementar zum christlichen Glauben gehört. Denn er weist uns darauf hin, dass wir Menschen uns nicht aus eigener Kraft erlösen können und müssen. Dass Jesus für uns gestorben und auferstanden ist, das ist kein theolo­gischer Lehrsatz, der für das christliche Zeugnis zur Disposition steht, sondern es ist ein grundlegende Erfahrung der Jünger, die sie zu Zeugen Jesu gemacht hat.’…“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.