Die zwei Tafeln

Von „zwei Tafeln des Gesetzes“ ist die Rede, die Mose von Gott auf dem Berg Sinai ausgehändigt bekommt (2 Mose 31,18). Warum zwei Tafeln? Dass damit eine Aussage über die inhaltliche Ausrichtung der 10 Gebote gemacht ist, sollte eigentlich eine Binsenwahrheit sein, ist es aber anscheinend nicht.

Tatsächlich lassen sich die 10 Gebote in zwei Teile aufteilen, und zwar nicht etwa in 1 bis 5 und 6 bis 10, wie sie in unzähligen bildlichen Darstellungen naiverweise angeordnet wurden, sondern in 1 bis 3 und 4 bis 10 (nach lutherischer und römisch-katholischer Zählung). Die Gebote 1 bis 3 betreffen das Verhalten des Menschen gegenüber Gott, die Gebote 4 bis 10 das Verhalten gegenüber den Mitmenschen. Dieser Aufteilung entspricht im Neuen Testament bei Jesus genau das „Doppelgebot der Liebe“: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Das ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Matth 22,37ff parr).

Interessant ist dabei folgendes: Wenn man in 2 Mose 20 oder 5 Mose 5 den Textumfang dieser beiden Teile miteinander vergleicht, stellt man fest, dass die Gebote 1 bis 3 rein vom Textumfang her nicht nur gleich viel, sondern sogar mehr Gewicht haben als die Gebote 4 bis 10. Auch Jesus hebt das Gebot der Gottesliebe sehr deutlich hervor, auch wenn er das Gebot der Nächstenliebe danach mit ihm gleichsetzt.

Ich würde mir wünschen, dass diese Aufteilung und Gewichtung in der Vermittlung der 10 Gebote im Religions- und Konfirmandenunterricht, aber auch in der Erwachsenenarbeit, etwa auch in den Beichtgebeten bei der Abendmahlsfeier, wieder mehr Berücksichtigung findet.

Statt dessen begegnete und begegnet es mir zunehmend öfter, dass die 10 Gebote lehrmäßig praktisch auf die 2. Tafel reduziert werden und im Bewusstsein vieler Christen auf die 2. Tafel reduziert sind, wie auch das Doppelgebot Jesu auf die Nächstenliebe reduziert wird. Ich erkenne darin eine bedenkliche Schieflage, eine Sozialisierung der christlichen Wahrheit, eine Vernachlässigung bzw. Vergleichgültigung des (unmittelbaren) Gottesbezugs, der doch mit gutem Grund an erster Stelle stehen sollte: 1. Gebot: Dankbare Hinwendung zu Gott, Abwendung vom Götzendienst; 2. Gebot: Vertrauensvolle Praktizierung des Gebets; 3. Gebot: Einhaltung der Arbeitsruhe am Feiertag und Teilnahme an der gottesdienstlichen Feier.

In diesem Zusammenhang erhebt sich noch eine ganz andere Frage. Die 1. Tafel, in der es um den Gottesbezug geht, ist also ein wesentlicher, ein grundlegender Teil „des Gesetzes“. Daraus folgt dann aber m.E., dass dieses Gesetz als Lebensordnung nur Sinn hat für Menschen bzw. für eine Gemeinschaft von Menschen, die diesen Gottesbezug hat, also eben für das „Gottesvolk“ Israel und dann auch für das „neue“ Gottesvolk, die Gemeinde Jesu. Was fangen Menschen ohne Gottesbezug mit der 1. Tafel an? Die weitergehende Frage ist aber, ob möglicherweise auch die 2. Tafel als Lebensordnung nur sinnvoll ist für Israel und dann auch für die Gemeinde Jesu, für Menschen also, die im „Bund“ mit Gott stehen und von Gott in besonderer Weise in Verantwortung genommen werden.

Kann wenigstens die 2. Tafel des Mosegesetzes als gemein-menschlicher Verhaltens-Kodex gelten? Dies ist keineswegs sicher. Beispiel: 5. Gebot „Du sollst nicht töten“. Natürlich wird Mord hierzulande geahndet. Aber die Selbsttötung beispielsweise gilt in unserer Gesellschaft nicht mehr als Unrecht oder gar als Sünde; auch die aktive Sterbehilfe wird in diesem Sinn bereits diskutiert. Die Abtötung der Leibesfrucht im Mutterleib gilt zwar als Unrecht, wird aber ausdrücklich nicht mehr bestraft, so das Bundesverfassungsgericht. Oder das 6. Gebot, „Du sollst nicht ehebrechen“: In einer zunehmend gott-losen Gesellschaft wie der unsrigen heute schwindet das Unrechtsbewusstsein bei Ehebruch zusehends. Für die Gerichtsbarkeit ist Ehebruch m.W. schon lange kein Straftatbestand mehr.

Fazit: Wo keine Gottesfurcht mehr ist, verlieren offensichtlich auch die Gebote der 2. Tafel ihre Evidenz. Nicht von ungefähr hat Luther seinen Erklärungen der Gebote durchweg den Satz vorangestellt: „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir …“, auch bei den Geboten der 2. Tafel!

Noch einmal neu stellt sich die obige Frage, wenn man neutestamentliche Aussagen zur Lebensordnung mit heranzieht, vor allem natürlich die Bergpredigt (Matth 5-7), in der Jesus die 10 Gebote quasi fortschreibt, nämlich radikalisiert und so „erfüllt“ (Matth 5,17). Da sieht die 2. Tafel dann beispielsweise so aus: „Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig …“ (5,22 – zum 5. Gebot); „wer eine (verheiratete) Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon die Ehe mit ihr gebrochen …“ (5,28 – zum 6. Gebot). Da wird Verzicht auf Vergeltung gefordert: „Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern; wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar …“ (5,39) und Feindesliebe: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen …“ (5,44).

Eine so verfasste Lebensordnung macht nur Sinn für die Gemeinde Jesu, die auf ihn als ihren Herrn hin orientiert ist, sich in seine Nachfolge gerufen weiß und von ihm her die Kraft zu solchem Verhalten bezieht. Die Lebensordnung, wie sie die Bergpredigt Jesu und verwandte Texte im Neuen Testament (z.B. Röm 12,17ff) vorgeben, ist somit m.E. nicht einfach übertragbar auf die „Welt“. Sie einer Gesellschaft wie der europäischen aufgeben zu wollen (wovon man etwa in der „Friedensbewegung“ träumte und noch träumt), die in ihrer Verfassung keinen Gottesbezug mehr duldet, wäre schlichtweg unsinnig, wäre Schwärmerei mit fatalen Folgen (Abschaffung des Militärs …).

Ein Gedanke zu “Die zwei Tafeln

  1. Sehr geehrter Herr Miller,

    ich bereite mich zur Zeit auf einen Vortrag über die Seligpreisungen vor, den
    ich in einem „Gesprächskreis zur Bibel“ der evangelischen Kirche Oyten halten werde. Ich bin in diesem Zusammenhang auf Ihre Ausführungen zu den zwei Tafeln gestoßen und habe sie mit Gewinn gelesen.
    Mich treibt seit einiger Zeit folgende Frage um: mindestens bei einigen der
    Seligpreisungen ( z.B. „Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen“) könnte man auf die Idee kommen, es bedarf nicht des Sühnetodes Jesu, um uns mit Gott versöhnen zu können. Damit allerdings wäre die christliche Botschaft abgeschafft. Meine Antwort als Christ ist deshalb: wir bleiben sündige Menschen und bedürfen deshalb der Erlösung durch Jesus Christus.
    Sie schreiben nichts explizit zu den Seligpreisungen, bemerken aber, daß eine Lebensordnung nach der Bergpredigt ( und damit ja wohl auch nach den Seligpreisungen ) „nicht einfach übertragbar auf die Welt“ ist. Müßte man also einem Nichtchristen sagen: a) die Bergpredigt gilt nicht für dich, sie ist an die Jünger ( siehe Lukas 6,20 ) und damit an die Gemeinde Jesu gerichtet und b) weil du ein sündiger Mensch bist ( trotz deiner Friedfertigkeit, trotz deiner… ) bedarfst du der Erlösung durch Jesus Christus.
    Unbefriedigend bleibt für mich allerdings, daß Jesus die Gotteskindschaft der Friedfertigen ( und anderer ) nicht an sich knüpft ( wie z.B. in Joh. 14,6 ).
    Jesus also doch ( zunächst ) nur ein Wanderprediger in der Tradition der alttestamentarischen Propheten? Die christliche Theologie später um ihn
    „herumgebaut“ ( Paulus! )?

    Wenn Sie die Zeit haben, mir einige Hinweise zu geben, wäre ich Ihnen dankbar.
    Mit freundlichen Grüßen
    Bernd Wersing

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