Zwei Seiten

„Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe“ – Joh 11,50

(Predigt) „… ‚Alles hat seine zwei Seiten’ pflegen wir zu sagen, und wir mei­nen damit im allgemeinen: eine gute und eine schlechte. Wir meinen es im allgemeinen auch in dieser Reihenfolge: Zunächst tritt die gute Seite in Erscheinung. Danach stellt sich die Kehr­seite der Medaille heraus. Ist das so etwas wie eine negative Grundstruktur dieser Welt? Eine Struktur der Enttäuschung? Ein Beispiel dafür ist die Pflegeversicherung. Alle wollten sie doch. Unter Riesenanstrengungen kam das entsprechende Gesetz zustande. Und jetzt zeigen sich erhebliche Schwierigkeiten, vielleicht sogar Nachteile, die diese Einrichtung mit sich bringt, und es wird allenthalben geklagt und geschimpft.

Könnte es auch einmal umgekehrt sein mit den beiden Seiten? Könnte es auch einmal sein, dass uns Schlechtes, Trauriges, Böses ins Auge springt, und dann stellt sich heraus, dass dieselbe Sache doch noch eine ganz andere Seite, eine helle, freundliche, gute Seite hat? Um es gleich zu sagen: Unser Glaube weiß von solchen Erfahrungen. Erfahrungen, die wir in unserem Leben machen, und zwar immer wieder. Was uns belastet hat, stellt sich auf einmal heraus als ein Weg, auf dem wir gesegnet wurden. ‚Was böse scheint, ist gut gemeint’ heißt es in einem unserer Lieder. Die Bibel ist voll von solchen zweiseitigen Geschichten und Wegen. …

Der Hohepriester bringt, wie wir gehört haben, mit seinem Spruch den Tötungsbeschluss gegen Jesus zustande. Aber eben mit diesem seinem Spruch verkündigt er, weissagt er zu­gleich auch schon, ohne es zu wissen und zu wollen, das Gute, das ungeahnt Herrliche, das Gott ins Leiden und Sterben Jesu hineingelegt hat. … Dieser zynische Spruch, ein Spruch eiskalter und scheinheiliger Berechnung, zeigt sich uns unter der Anleitung des Evangelisten auf einmal von einer ganz anderen Seite. Er wird zur Weissagung, nicht von Menschen erdacht, sondern von Gott eingegeben. …

Ja, Kaiphas, so herum ist es wirklich besser, du hast wahr gesprochen, die große neue Wahrheit Gottes, die sich in Jesus offenbart, hast du, allerdings ohne es zu ahnen, mit der ganzen Autorität deines hohenpriesterlichen Amtes in den Raum gestellt. …“

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