Versagte Gerechtigkeit?

„Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat“ – Lk 12,15

(Predigt) „… ‚Meister, sage meinem Bruder, dass er mit mir das Erbe teile.’ Das ist so einer, dem von seinem Bruder übel mitgespielt wurde und wird. Und der sollte bei Jesus kein Gehör finden? Es geht schließlich um Gerechtigkeit! Gerechtigkeit – jeder Mensch soll zu seinem Recht kommen – ist dies nicht das christliche Grundanliegen schlechthin? Ist Jesus nicht eben dazu in die Welt gekommen, um für Gerechtigkeit in diesem Sinn zu sorgen und der Ungerechtigkeit zu wehren? Jesus aber antwortet, anscheinend sogar mit einer gewissen Heftigkeit: ‚Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbschlichter über euch gesetzt?’ D.h. also: Wende dich, wenn es dir um dein Recht geht, doch an einen Richter oder Erbschlichter – diese Einrichtungen gibt es und muss es geben –, aber bei mir, bei Jesus, bist du damit an der falschen Adresse. Das ist nicht mein Amt! Wie sollen wir das verstehen?

Wahrscheinlich so: Hier kommt nicht ein Armer zu Jesus, kein mittelloser Mensch, keiner, der Not leidet; es war Jesus in der Tat wichtig, dass den Armen geholfen wird. Das ist ein wichtiges Reich-Gottes-Thema! Hier aber kommt einer zu ihm, der hat, was er braucht; der aber jetzt zu mehr kommen könnte und möchte mit Fug und Recht, und nun sieht er sich um dieses sein gutes Recht gebracht. Für solche Fälle von versagter Gerechtigkeit lässt Jesus sich nicht in Anspruch nehmen. Ihm geht es um das Reich Gottes, um das Heil der Menschen. Ob einer mehr oder weniger an Hab und Gut hat, ist keine Frage seines Heils. Im Gegenteil: Die Habgier, von der wir in solchen Fällen erfasst werden, ist etwas höchst Gefährliches und steht unserem Heil entgegen.

‚Seht zu und hütet euch vor aller Habgier’. Jesus meint allen Ernstes, dass für uns als Menschen, die dem Reich Gottes entgegengehen, solche Erb- und ähnliche Angelegenheiten mindestens zweitrangig werden müssten. Lasst euch davon nicht gefangennehmen und aufs Glatteis führen. Hütet euch davor, zu meinen, mehr und immer mehr haben bringe euch mehr Leben. Es ist einfach ein Irrtum. Es ist ein Trugschluss. ‚Denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat’. …

Imponiert hat mir eine Frau, die ich kürzlich traf, und die mir erzählte, sie sei von ihrem Vater enterbt worden. Es tat ihr schon noch weh, das merkte ich. Aber dann lachte sie und fügte mit Nachdruck hinzu: ‚Ich habe einen anderen Vater, der für mich sorgen wird.’ Das ist wohl die Einstellung zu diesen Dingen, zu der Jesus uns alle führen will. …“

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