Dynamis

„Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben …“ – Röm 1,16

(Predigt, Reformationsfest) „… Warum schämt sich ein Paulus, ein Luther, warum schämen auch hoffentlich wir uns des Evangeliums nicht? Als Student hatte ich eine Arbeit über dieses griechische Wort ‚Evangelium’ zu schreiben. Ich hatte zu untersuchen, wo es im neuen Testament überall vorkommt, z.B. hier in Römer 1, und was damit nun eigentlich gemeint ist. Unsere Arbeiten wurden dann der Reihe nach in den Seminarsitzungen mit dem Professor besprochen. Ich weiß noch, wie der Professor in der betr. Sitzung uns dann fragte, vor allem mich: Was ist nun das Evangelium? Wir antwor­teten mancherlei, z. B. ‚Heilsbotschaft’, aber es war noch nicht das, was er meinte. Dann sagte er es selbst: Das Evangelium ist nach Römer 1,16 ‚dynamis theou’. Es war für mich eine Art Offenbarung, die sich mir unauslöschlich eingeprägt hat. ‚Dynamis theou’ – ‚eine Kraft Gottes’ hat Luther fast noch zu schwach übersetzt, eine von Gott ausgehende Gewalt im guten Sinn, eine göttliche Dynamik, die Gewaltiges zustandebringt, so, wie es von Jesus heißt, er lehrte gewaltig und nicht wie die Schriftgelehrten.

Das Evangelium bewirkt das denkbar Gewal­tigste: Menschen werden selig, Menschen werden ihrer Rettung zugeführt, ihrer Rettung aus zeitlichen Nöten, ihrer Rettung aus dem Endgericht und aus dem ewigen Verderben; bei allen ge­schieht das, die glauben. Auch damit sind wir wieder im Herzen der Reformation. Seligkeit, Rettung allein durch den Glauben, sola fide – das war eines der Schlagworte dieser geistgewirkten, mitreißenden Erneuerungsbewegung, und das prägt die evangeli­sche Kirche bis heute. Glauben so verstanden, dass wir uns Jesus als dem Herrn des Heils anvertrauen und von ihm alles erwarten. Seligkeit in diesem Sinn hat Luther selbst erfahren, als er im Kloster als Mönch um seine Seligkeit rang und ihm eines Tages das Herz und die Sinne für das Evangelium aufgetan wurden: ‚Da tat sich mir das Tor zum Paradies auf’ schrieb er später über dieses Erlebnis. Nebenbei gesagt: ‚Wer’s glaubt, wird selig’ ist eine Redensart, die auf diese Grund- und Haupterkenntnis der Reformation zurückgeht. …“

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