Zweite Chance?

Was Nikodemus lernen muss – Joh 3,1ff

„Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm“ (3,2). Nikodemus meint, dies sei eine angemessene Annäherung an Jesus, an die angeknüpft werden könnte. Dem ist aber nicht so. Jesus antwortet überraschend deutlich und stößt Nikodemus damit geradezu vor den Kopf: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem (oben) geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen“ (3,3).

Mit Jesus ist nicht nur ein weiterer, von Gott gekommener „Lehrer“ erschienen, sondern das „Reich Gottes (die Königsherrschaft Gottes)“ selber. Und wer dies zu Gesicht bekommen will, der muss „von neuem“ bzw. „von oben“ geboren werden – „aus Wasser und Geist“, wie es später heißt (3,5).

Die Rede, dass Christsein zugleich bedeute, wiedergeboren zu sein, hat von daher ihr gutes Recht. Die Frage ist dann nur, wie Wiedergeburt konkret aussieht.

(Predigt) „… Nikodemus wie auch andere aus der Gruppe der Pharisäer sehen in Jesus zweifelsfrei einen Lehrer, der von Gott gekommen ist. Die Wundertaten, die Jesus tut, sprechen für sich; nur einer, mit dem Gott ist, kann so wirken. Nikodemus spricht das alles aus und tut damit Jesus weiß Gott große Ehre an. Mehr geht gar nicht, oder?

Jesus wird das zu schätzen wissen. Er wird merken, dass ihm mit diesem Pharisäerführer die ganze Frömmigkeitsbewegung in Israel entgegenkommt und ihm die Hand bietet, dass sogar der Hohe Rat mit ihm ins Einvernehmen kommen will. ‚Jesus, nütz die Stunde, schlag ein!’ möchten wir ihm zurufen.

Umso überraschender und unverständlicher erscheint uns, wie Jesus reagiert: Dir und den anderen, so gibt er dem Nikodemus zu verstehen, fehlt bei aller Redlichkeit, bei allem frommen Bemü­hen, bei aller Anerkennung, die ihr mir zollt, das Entscheidende. Euch fehlt die neue Geburt. Und ohne sie kann auch ein so qualifizierter, ein so hochgesinnter Mensch wie du Gottes Reich nicht einmal sehen, geschweige denn hineinkommen. Hör, du edler Nikodemus, hört, ihr edlen Menschen, ihr Gottsucher, die ihr auch mir eine bedeutsame Sendung zuerkennt – ihr steht draußen vor der Tür. …

Das ist eine harte, eine schroffe, eine brüskierende Auskunft. Wird sich Nikodemus nun auf dem Absatz herumdrehen und gehen? Er tut es nicht. Er lässt sich diese Diagnose von Jesus gefallen und begreift, dass sie nötig sein könnte, der Anfang einer heilsamen Therapie. Er ist bereit, alles, was er bisher in seinem frommen Leben sich vorgenommen und erreicht hat, zur Dispo­sition zu stellen: Ja, ich halte es für möglich, dass ich noch einmal von vorne anfangen sollte, um es noch besser zu machen, um es endlich ganz recht zu machen, denkt er, sagt er auch. Im Grund sehne ich mich danach. Im Grund wollte ich es lieber heute als morgen, noch einmal beginnen – aber es geht doch nicht.

Liebe Gemeinde, ist das nicht auch schon unser Gedanke gewesen, ein Wunschtraum: Wenn es doch einen zweiten Versuch gäbe, unser Leben noch einmal zu leben, die berühmte ‚zweite Chance’! Meint Jesus es so mit der Wieder­geburt? Wenn ja, müssten wir mit Nikodemus schlicht fragen: ‚Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und noch einmal auf die Welt kommen?’

In einem zweiten Gesprächsgang macht Jesus deutlich, dass er es so eben nicht gemeint hat. Er spricht eben nicht von der Wieder­holung unserer Geburt, nicht von einem zweiten Versuch. Er spricht von einer Neu-Geburt, die mit uns vor sich gehen soll, und bezeichnet sie als eine Geburt aus Wasser und Geist. Also: nicht das Ganze noch einmal von vorn. Sondern: das Ganze neu, unter völlig neuen Voraussetzungen.

‚Es sei denn, dass jemand geboren werden aus Wasser und Geist …’. Dieses Wort Jesu steht an einer Stelle in unserer Kirche mit in Stein gemeißelten Buchstaben. Wo? Am Taufstein. Und da gehört es auch hin. Wir sollen und dürfen jetzt an die Taufe denken. Die Taufe ist das Sakrament der Wiedergeburt. … …

Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch’. Jesus nimmt uns die Illusion, als könnte es ein zweiter Lebens-Versuch bringen, als könnten wir es bei einem zweiten oder auch weiteren Versu­chen doch noch schaffen, mit unserem Leben dem zu entspre­chen, was Gott haben will und für sein Reich brauchen kann. Es würde dabei letztlich doch nichts anderes herauskommen. ‚Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch’. So sieht die Realität aus. Mit anderen Worten: ‚Es ist doch unser Tun umsonst, auch in dem besten Leben.’ …“

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