Gott und die Moral – in gewissen Fällen

„Gefährdung der Ahnfrauen“ 1 Mose 12,10ff; 20,1ff; 26,7ff (traditionsgeschichtlich handelt es sich wahrscheinlich um Dubletten): Abraham bzw. Isaak müssen sich ins Ausland begeben. Ihre Frauen Sara bzw. Rebekka sind ausnehmend schön. Abraham und Isaak müssen befürchten, ihrer Frauen wegen von den ausländischen Machthabern umgebracht zu werden, da für diese eine verheiratete Frau offenbar tabu ist. Daher entschließen sich Abraham bzw. Isaak, ihre Frauen als ihre Schwestern auszugeben. Die Frauen sind damit allerdings erst recht gefährdet. Die Machthaber lassen sie dann tatsächlich sofort zu sich holen. Die Frauen bleiben jedoch wunderbarerweise unberührt.

Abraham bzw. Isaak haben also gezielt gelogen. Diese „Lüge“ wird ihnen zwar von den Machthabern hinterher scheinheilig zum Vorwurf gemacht, nicht jedoch von Gott – jedenfalls findet sich in den Texten keinerlei Hinweis darauf. Vielmehr wird Ihr Verhalten offensichtlich von Gott gedeckt. Abraham und Isaak gehen ausdrücklich als besonders Schutzwürdige und sogar übermäßig Beschenkte (20,14ff), mithin als Gesegnete aus diesen Szenen hervor.

Jakob und der Erstgeburts-Segen 1 Mose 27,1ff: Auch hier geht es moralisch sehr fragwürdig zu – der alte Vater Isaak wird, so scheint es, böse getäuscht, der Bruder Esau (der freilich sein Erstgeburtsrecht selber an seinen Bruder abgegeben hatte, leichtsinnig zwar, doch in aller Form!) trickreich hintergangen, auf Betreiben der Mutter Rebekka, die allerdings die bei der Geburt der Zwillinge ergangene Verheißung im Ohr hat: „… der Ältere wird dem Jüngeren dienen“ (25,23). Hat Gott das Vorgehen Rebekkas und Jakobs Einverständnis dazu verurteilt?

Der Textzusammenhang gibt nichts dergleichen her. Alles spricht dafür, dass Gott seine Absichten mit Jakob gerade auf diese Weise realisiert hat. Zwar muss Jakob anschließend fliehen. Aber diese Flucht Jakobs und seine schwierigen Jahre bei Laban erscheinen keineswegs als Strafe Gottes. Vielmehr wird Jakob sogleich auf der ersten Station seiner Flucht, in Bethel (Himmelsleiter), mit den schönsten Zusagen und Verheißungen Gottes bedacht, ohne jede Einschränkung. Er ist und bleibt der Erwählte. Die Leiden, die er durchmacht, sind offensichtlich keine Strafleiden (für „erschlichenen“ Erstgeburtssegen), sondern Erwählungsleiden, Leiden also, wie sie für das Schicksal der Erwählten Gottes durchweg charakteristisch sind. Auch der Kampf Jakobs am Jabbok (1 Mose 32,23ff) ist m.E. nicht als eine Art Abrechnung Gottes mit dem „Lügner“ Jakob zu interpretieren.

Möglicherweise muss man die Dinge so ansehen: Esau und Isaak sind beide, bewusst oder unbewusst, im Blick auf die – Rebekka mitgeteilte – Erwählung Jakobs ignorant und sind dabei, den Plan Gottes zu durchkreuzen. Das muss verhindert werden. Dazu müssen auch „Täuschung“ und „Betrug“ dienen. Zu vergleichen ist im übrigen Röm 9,13.

Eine weitere Täuschungsgeschichte: Rahel mit dem Hausgott Labans, 1 Mose 31,33. Rahel belügt ihren Vater. Auch hier ist es offensichtlich so: Laban, der Jakob, dem Erwählten, zusetzt, verdient es nicht anders!

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