Veranlagt oder …?

„Darum hat sie Gott dahingegeben in schändliche Leidenschaften; denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr (‚tän physikän chräsin’) vertauscht mit dem widernatürlichen (‚tän para physin’); desgleichen haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen und sind in Begierde zueinander entbrannt und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den Lohn ihrer Verirrung (‚planä’), wie es ja sein musste, an sich selbst empfangen“ – Röm 1,26f

Bemerkenswert finde ich, dass das Thema Homosexualität eben nicht nur im Alten Testament, sondern auch hier im Neuen und dazu an exponierter Stelle aufgegriffen wird – auch wenn es kein Jesus-Logion dazu gibt. Beiläufig finde ich bemerkenswert, dass hier die weibliche Homosexualität sogar vor der männlichen erscheint. Dass Menschen, die Homosexualität praktizieren, sich des Todes schuldig machen (so im AT, 3 Mose 20,13), wird hier nicht bestätigt. Aber daran, dass es sich dabei um Widernatürliches, und damit um eine schwerwiegende Verirrung und letztlich um eine Auswirkung und Offenbarung des Zornes Gottes handelt (Vers 18) mit verheerenden Folgen für die Betroffenen, gibt es von dieser Aussage des Paulus her keinen Zweifel.

Für die Beurteilung von Homosexualität heute scheint es mir aber auf folgende Differenzierung anzukommen: Es könnte sein, dass Paulus von Menschen spricht, die an sich heterosexuell veranlagt sind, aber sich aus Lust an der Abartigkeit, an der Perversion, dem gleichen Geschlecht zuwenden. Dafür sprechen die Formulierungen: „… haben den natürlichen Verkehr vertauscht mit dem widernatürlichen“; „haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen …“. Beinhalten diese Formulierungen nicht eine aktive, willentliche und der eigenen Veranlagung zuwiderlaufende Abkehr von der natürlichen Geschlechtlichkeit?

Davon wären dann zu unterscheiden: Menschen, die homosexuell veranlagt sind und die, wenn sie Homosexualität praktizieren, nur ihrer Veranlagung folgen, die ihnen praktisch keine andere Wahl lässt. Das würde bedeuten, dass diese Menschen nicht unter das apostolische Verdikt fallen.

Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass die biblischen Autoren von homosexueller Veranlagung im eigentlichen Sinn noch nichts wussten, wie zuweilen behauptet wird. Dennoch scheint mir die dargestellte Differenzierung hilfreich zu sein, zumal ich von Erfahrungen im eigenen Umfeld her zu der Überzeugung gekommen bin, dass es homosexuelle Veranlagung ohne Aussicht auf Veränderung tatsächlich gibt.

2 Gedanken zu “Veranlagt oder …?

  1. Und was ist, wenn man eigentlich homosexuell veranlagt ist, und sich dann – z.B. aus Lust an der Abartigkeit oder z.B. wegen dem Anpassungsdruck – sich dem anderen Geschlecht zuwenden? Wäre das dann auch ein Vertauschen oder Verlassen, das als problematisch zu beurteilen wäre?

    • Ein scharfsinniger Gedanke.
      In diesem Fall scheint mir aber doch eher dieser Umkehrschluss problematisch zu sein.
      Hetero ist immer noch die Regel.

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