Die „geringsten Brüder“ des Weltenrichters

Matthäus 25,31-46

Schon während meines Studiums machte mir diese Perikope und ihr damals und bis heute gängiges Verständnis schwer zu schaffen: Wenn nach sonstigen Aussagen des Neuen Testaments doch alles darauf ankam, Jesus zu kennen und an ihn zu glauben, um gerettet zu werden, um das ewige Leben zu erhalten, um im kommenden Gericht bestehen zu können usw., so kam es nach dieser Perikope angeblich nur darauf an, sich den Ärmsten dieser Welt wohltätig zuzuwenden. Von Jesus gewusst, an ihn geglaubt, ihn geehrt zu haben, spielte im Endgericht plötzlich keine Rolle mehr („Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen …?“).

Als ich ins Vikariat und dann auch ins Pfarramt kam – Ende der 60er/Anfang der 70er-Jahre –, war der Begriff der „latenten Kirche“ in Vieler Munde: man meinte damit eine Kirche ohne bewussten Bezug zu Jesus Christus, eine Kirche, die sich selbst nicht als solche empfand und verstand. Diese latente „Kirche“, die sich ausschließlich durch die soziale Tat konstituiert, werde doch, so argumentierte man, nach Matth 25,31-46 durch Christus selbst im Weltgericht bestätigt und ernte die höchsten Segnungen.

Für mich war und ist diese angebliche Aussage von Matth 25,31-46 unvereinbar mit den übrigen Aussagen des Neuen Testaments. Nach quälender Gedankenarbeit kam mir eines Tages die Erleuchtung: Mit den „geringsten Brüdern“ Jesu in Matth 25 können nicht einfach die Benachteiligten dieser Welt gemeint sein. Es muss sich um Menschen handeln, die sich zu Jesus bekennen, für jedermann erkennbar zu Jesus gehören und möglicherweise sogar im Zusammenhang damit zu „Geringsten“ geworden sind. Und die Unwissenheit ihrer Wohltäter bzw. ihrer Verächter kann nicht heißen, dass sie Jesus nicht kannten; vielmehr heißt es, dass ihnen der Christus so, wie er ihnen jetzt, im Endgericht, in seiner Hoheit als Weltenrichter gegenübertritt, vorher nie begegnet ist.

Auf die Spur gebracht haben mich Stellen wie Matth 10,42: „Und wer einem dieser Geringen auch nur einen Becher kalten Wassers zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist, wahrlich ich sage euch: es wird ihm nicht unbelohnt bleiben.“ Vgl. auch Matth 12,49.
Oder 1 Kor 4,9ff: „Denn ich denke, Gott hat uns Apostel als die Allergeringsten hingestellt … Bis auf diese Stunde leiden wir Hunger und Durst und Blöße und werden geschlagen und haben keine feste Bleibe … Wir sind geworden wir der Abschaum der Menschheit, jedermanns Kehricht, bis heute.“ Die Aufzählung hier entspricht fast wörtlich der Aufzählung in Matth 25: „Ich bin hungrig …, durstig …, ein Fremder …, nackt …, krank …, im Gefängnis gewesen …“.

Nach dieser Klärung bei mir selbst (einer schwierigen denkerischen Geburt) entdeckte ich eine Bestätigung in der Stuttgarter Jubiläumsbibel von 1912, wo es zu Matth 25,31-46 heißt: „’Diese meine geringsten Brüder’ … sind seine Jünger …, die nicht vor ihm, sondern neben ihm stehen als seine Gerichtsbeisitzer … Was er ihnen schon bei ihrer ersten probeweisen Aussendung zum Trost gesagt (Kap. 10,40-42), das wiederholt er ihnen jetzt, da ihre Lehrzeit zu Ende geht …“.

Auch „Die Bibel in heutigem Deutsch mit Erklärungen“ („Die gute Nachricht“), 1983, erklärt zu Matth 25,31-46: „Die Stellen 10,40-42; 12,48-50; 28,10 legen nahe, an die Jünger Jesu zu denken, die in der ganzen Welt die Verkündigung auszurichten haben (24,14; 28,18-19) und weltweit verfolgt und misshandelt werden (24,9).“

Die Niedrigkeit, in die sich Christus selbst mit seiner Menschwerdung und auf seinem Weg ans Kreuz hineinbegeben hat, setzt sich fort in der Niedrigkeit, die die Existenz seiner Nachfolger kennzeichnet. Jesus Christus identifiziert sich mit diesen Menschen („Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf …“ Matth 10,40). Im Endgericht wird die Menschheit danach beurteilt, ob sie den leidenden Nachfolgern Jesu, die mittlerweile in aller Welt ihren Auftrag erfüllen, Wohltaten zukommen ließ oder nicht. Jedermann war sehr wohl bekannt gewesen, dass „diese Geringsten“ zu Jesus gehörten. Die Zuwendung zu ihnen beinhaltet also sehr wohl ein Bekenntnis zu Jesus, wie auch die Verachtung ihnen gegenüber eine bewusste Verachtung Jesu beinhaltet. Das Ja oder Nein zu Jesus ist somit auch nach Matth 25,31-46 das letztlich Entscheidende! Dass sie in diesen armen Jesusleuten den Weltenrichter vor sich hatten – in tief verborgener Gestalt – hatten die Menschen allerdings nicht geahnt, weder ihre Wohltäter noch ihre Verächter.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.