… bis ins dritte und vierte Glied

Es ist verständlich, wenn sich immer mehr Deutsche fragen, wie lange unserem Volk die Nazi-Schuld noch zu schaffen machen soll, und warum sie den nachfolgenden Generationen, für die eine Mittäterschaft und somit Mitschuld für die Verbrechen der Nazizeit nicht mehr in Frage kommt, immer noch ins Wachs gedrückt wird.

Im Zusammenhang mit dem ersten Gebot („… keine anderen Götter …“) spricht der Gott Israels: „Ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten“ (2 Mose 20,5f; vgl. 2 Mose 34,7).

Auch wenn die 10 Gebote, vor allem die Gebote 1 bis 3, die das Verhalten des Gottesvolkes zu seinem Gott regeln, nicht ohne weiteres auf die Welt, auf ein Volk, das als solches nicht an Gott gebunden ist, übertragen werden können, scheint mir die zitierte Aussage doch ein Hinweis darauf zu sein, dass generell Schuld nicht mit der Generation, die sie zu verantworten hat, erledigt ist. Im Fall Israels sind es also bis zu vier Generationen, die Nachkommen bis hin zu den Urenkeln, die unter den Folgen der Versündigungen der betreffenden Generation zu leiden haben.

Die „Heimsuchungen“, die das deutsche Volk bisher getroffen haben, sind teils schwer: Die Kriegstoten, die Vertreibungen, das zerstörte Land, die Gebietsverluste, die schlimmen Nachkriegsjahre, Zerschlagung des Landes in zwei Teile, von denen der eine jahrzehntelang unter einer atheistischen Diktatur zu leiden hatte; teils sind sie ausgesprochen gnädig, wenn man z.B. an das „Wirtschaftswunder“, an die Wiedervereinigung und an nunmehr bald sieben Jahrzehnte ohne Krieg und Kriegseinwirkung denkt. Bedrohungs-Szenarien gab und gibt es allerdings genug. Und von einem Nationalbewusstsein, wie es anderswo selbstverständlich ist, kann bis auf weiteres hierzulande nicht die Rede sein.

Interessant finde ich in diesem Zusammenhang Neh 9,1f, wo es heißt: „Am vierundzwanzigsten Tage dieses Monats kamen die Israeliten zu einem Fasten zusammen, in Säcke gehüllt und mit Erde auf ihren Häuptern … und traten hin und bekannten ihre Sünden und die Missetaten ihrer Väter.“ Das kann man wohl sogar als Akzeptanz einer Kollektiv-Schuld verstehen.

Eine Frau, die aus der DDR kommt und dort konsequent als Christin lebte, erzählte, welchem Druck sie ausgesetzt war, und dass sie dann auch noch wegen versuchter Republikflucht zu 16 Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Mir fiel auf, dass sie ohne Groll oder Empörung von ihrem Schicksal sprach. Sie denke, so fügte sie dann hinzu, dass wir die deutsche Teilung und alles damit verbundene Schwere, so auch das, was sie selbst durchmachen musste, doch wohl in einem Zusammenhang mit den Verbrechen der Nazizeit sehen und darum hinnehmen sollten, hinnehmen in Gottes Namen und im Vertrauen auf Gottes Hilfe und Gnade.
Eine
Haltung der Buße also bei dieser Frau – nicht nur im Blick auf eigene Schuld, sondern im Blick auf die Schuld anderer, sogar auf die Schuld vorausgegangener Generationen, auf die Schuld, die auf einem ganzen Volk liegen kann.

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