Gute Werke und Leistung

Die Reformation hat zu Recht die in der damaligen Kirche praktizierte Werkgerechtigkeit aufs Korn genommen. Dabei ging es natürlich um fromme Werke, um gute Werke, um „des Gesetzes Werke“ wie Spenden, Askese, Wallfahrten, Gebetsübungen, Gelübde und sonstige Bemühungen um ein gottgefälliges Leben mit dem Ziel, sich bei Gott Verdienste zu erwerben. Demgegenüber haben die Reformatoren mit Paulus herausgestellt, „dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, (allein) durch den Glauben“ (Röm 3,28).

Immer wieder begegneten und begegnen mir Aussagen aus dem Raum unserer Kirche, wonach es demzufolge aus christlicher Sicht generell nicht auf „Leistung“ ankomme und von daher das „Leistungsprinzip“ und der „Leistungsdruck“ in unserer Gesellschaft, z.B. schon in der Schule, in Frage gestellt werden müsse.

Ich halte das für eine unzulässige Vermischung zweier Bereiche, nämlich einerseits des Bereichs der guten Werke im Sinn einer frommen Lebensführung und andererseits der Arbeits-Leistung, wie sie von jedem Menschen unabhängig von religiösen Aspekten entsprechend seinen Begabungen und auch gemäß gesellschaftlichen Notwendigkeiten gefordert ist.
Die Leistungsbereitschaft in unserer Gesellschaft wurde und wird dadurch von kirchlicher Seite geschwächt, der Ansporn zur Leistung torpediert, die Freude über erbrachte Leistung verdorben.

Der gegenwärtige gesellschaftliche Trend in diesem Bereich läuft nach meiner Wahrnehmung darauf hinaus: Gelernt werden sollte nur noch auf spielerische Weise; geleistet werden sollte nur aus eigenem, freien Antrieb bzw. auf entsprechend geschickte Motivation hin. „Strafe ist heute kein Erziehungsmittel mehr“, so wörtlich eine Elternbeiratsvorsitzende Ende der 80er-Jahre in Fellbach. In dieses Horn stößt leider immer wieder auch die Kirche. Dabei wussten schon die alten Griechen: „Ho mä dareis anthroopos ou paideuetai“ – der Mensch, der nicht geschunden wird, wird nicht erzogen; anders ausgedrückt: Wenn der Mensch in der Erziehung nicht hart angefasst wird, wird nichts Rechtes aus ihm.

Ursula Sarrazin, Grundschullehrerin, Berlin 2010: „Schule soll immer Spaß machen, immer die Anforderungen von Bildung erfüllen, und das alles möglichst anstrengungsfrei.“ Dazu aus einem Leitartikel in den Stuttgarter Nachrichten, 26.01.2011, S. 2: „Dabei hätten gerade Stadtstaaten wie Berlin allen Grund, über Frau Sarrazins Kritik nachzudenken. Beim Pisa-Test schneiden sie seit Jahren viel schlechter ab als jene Länder, die ihre Schüler stärker fordern. Das liegt nicht nur, aber eben auch an der utopischen Vorstellung, man könne allein mit Spaß und Spiel die Kinder zum Lernen bringen. Bildung erfordert aber auch Anstrengung, Strenge und einen gewissen Leistungsdruck. In Stadtstaaten wie Berlin, die von Milliardenhilfen anderer leben, hat sich eine Mentalität breitgemacht, der zufolge das Leben ein einziger Ponyhof ist. Man kuschelt sich aneinander auf niedrigstem Niveau und beklagt die Ungerechtigkeit der Welt. …“ (Rainer Wehaus).

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