Krasse Unterschiede

„… Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn“ – Röm 14,8

Der Zusammenhang, in dem diese vielzitierte Aussage gemacht wird, ist bemerkenswert: Es geht in den Kapiteln 14 und 15 des Römerbriefs um die „Starken“ und „Schwachen“ im Glauben. Paulus fordert dazu auf, die „Schwachen im Glauben“ anzunehmen und nicht zu verachten. Umgekehrt fordert er auch die Schwachen dazu auf, die Starken nicht zu verurteilen.

Die Lebensgestaltung der Christen kann höchst unterschiedlich ausfallen, was sich damals etwa daran zeigte, ob man zu den Starken gehörte, die die Freiheit hatten, das auf den Märkten erhältliche, heidnisch-rituell geschlachtete und damit sozusagen fremdreligiös kontaminierte Fleisch zu essen oder zu den Schwachen, die sich innerlich genötigt sahen, dieses Fleisch unbedingt zu meiden und fleischlos zu essen (vgl. dazu 1 Kor 8,1ff). Dieser Unterschied in der Lebensgestaltung kann so extrem werden, dass bei den einen sozusagen gelebt, bei den anderen sozusagen gestorben wird; auf diesen Gegensatz läuft die Schilderung in Röm 14 hinaus.

Beide noch so extrem unterschiedliche Lebensgestaltungen haben in der Verantwortung dem Herrn gegenüber ihr unbestreitbares Recht: „Wer isst, der isst im Blick auf den Herrn, denn er dankt Gott; und wer nicht isst, der isst im Blick auf den Herrn nicht und dankt Gott auch“ (14,6). Direkt im Anschluss an diesen Vers folgen die vielzitierten Sätze: „Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber …“.

So berechtigt es also sicherlich einerseits ist, auf diese Aussagen vorzugsweise bei Todesfällen und Bestattungen zurückzugreifen, so klar geht andererseits aus dem aufgezeigten Zusammenhang hervor, dass sie sich ursprünglich nicht im wörtlichen, sondern im übertragenen Sinn auf „Tote“ und „Lebende“ beziehen.

Vgl. 2 Kor 4,12: „So ist nun der Tod mächtig in uns (Paulus), aber das Leben in euch.“ An dieser Stelle geht es freilich nicht um die unterschiedliche Lebensgestaltung, wie sie vom jeweiligen Gewissen bestimmt wird (Paulus gehört im Sinn von Röm 14f zu den Starken), sondern um das unterschiedliche Geschick, wie es vom Herrn jeweils zugedacht wurde: Paulus muss schwerste Verfolgungen hinnehmen und hat ständig den Tod vor Augen, während die korinthischen Christen sich ihres Lebens freuen dürfen. Aber auch hier sind, ähnlich wie Röm 14f, „Tod“ und „Leben“ eben unterschiedlich zugeteilt, wobei dem Part, dem der „Tod“ zugeteilt ist (also Paulus) mindestens die gleiche Dignität der Christusnähe zukommt wie dem anderen, was in Korinth zeitweise sehr umstritten war.

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