Schöpfung als Heilshandeln Gottes

Aus „Nichts“ habe Gott die Welt erschaffen, hat man uns als Kindern beigebracht. Und noch dazu: Gott brauchte nur zu sprechen „Es werde …“, und schon geschah’s. Das Gottesbild, das im Zusammenhang damit in uns erwuchs, war das eines Zauberers, der alles Mögliche aus dem Nichts augenblicklich hervorzaubern kann.

Beide Aussagen lassen sich scheinbar (aber eben nur scheinbar! s.u.) biblisch belegen. Hebr 11,3: „Durch den Glauben erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort geschaffen ist, so dass alles, was man sieht, aus nichts geworden ist“, wörtlich: „nicht aus den Erscheinungen“ (mä ek phainomenoon). Ps 33,9: „Wenn er spricht, so geschieht’s; wenn er gebietet, so steht’s da.“

Die erwähnte Vorstellung von Gott als einem allmächtigen Zauberer ist naiv und nicht durchdacht. Sie ist völlig unzureichend und darüber hinaus irreführend. Denn die biblischen Texte sind anders zu verstehen. Bereits aus den beiden Schöpfungsgeschichten 1 Mose 1 und 2 selber ergibt sich bei genauerem Hinsehen folgendes Bild:

1 Mose 1

Zunächst begegnet in den ersten Versen der Bibel bzw. der priesterschriftlichen Schöpfungsgeschichte anscheinend eine Ungereimtheit. Gottes Schöpfungswerk in Gestalt der 7 Schöpfungs-„Tage“ beginnt ja offensichtlich mit Vers 3: „Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.“ Wie sind dann aber die vorausgehenden Verse 1 und 2 zu verstehen, wo es doch auch schon heißt: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe …“? Womit begann nun eigentlich die Erschaffung der Welt? Ging den sozusagen spezifischen Schöpfungswerken Gottes (dem 7-Tage-Werk ab Vers 3: Erschaffung des Lichts usw.) eine gewissermaßen generelle, zugleich allerdings noch höchst defizitäre Erschaffung von Himmel und Erde (Vers 1) voraus: Himmel und Erde im Status des Ur-Chaos (Vers 2)?
Ist es vorstellbar, dass Gott zunächst einmal, in einem ersten Anlauf sozusagen, nur Chaos zustande gebracht haben sollte? Wie wäre das mit all dem zu vereinbaren, was man sonst von Gott und seinem Wirken im biblischen Zeugnis erfährt?

Des weiteren ergeben sich Teilfragen wie z.B. diese: Wenn der Himmel nach Vers 1 doch schon erschaffen war, wieso lässt der Schöpfer dann in Vers 6 den Himmel als sein zweites Schöpfungswerk nach dem Licht von Grund auf erst – oder noch einmal? – entstehen?

Die Lösung sieht m.E. so aus: Vers 1 (Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde) ist als Überschrift über das ganze Kapitel zu verstehen. Dieser Vers fasst also nur zusammen, was nachfolgend ab Vers 3 im einzelnen geschildert wird, und beschreibt somit noch keinen eigenen Schöpfungsakt. Vers 2 (Und die Erde war wüst und leer …) ist als Einleitung oder Vorbemerkung zu verstehen. Er schildert den Zustand der Welt vor der Schöpfung, nicht einen Zwischenzustand innerhalb des Schöpfungsgeschehens. Und dann beginnt die Schöpfung mit Vers 3, mit der Erschaffung des Lichts. So wird alles klar und eindeutig, und man muss keine theologischen Purzelbäume schlagen, um Vers 2 als Ergebnis eines unvollkommenen ersten Schöpfungsaktes irgendwie zu erklären.

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde
(Und) die Erde war wüst und leer,
und es war finster auf der Tiefe;
und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.

Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.

Und Gott sprach: …

 

Das bedeutet dann aber auch: Vor der Schöpfung war nicht einfach „Nichts“. Vielmehr traf der Schöpfer „am Anfang“ „Etwas“ an, nämlich eine Welt im Zustand der absoluten Heillosigkeit. Woher diese Chaos-Welt kommt, wird in 1 Mose 1 nicht gesagt. Es ist für das biblische Schöpfungszeugnis offenbar nicht von Interesse, das zu klären. Die Frage, die hier unbeantwortet bleibt, ist ja im Grund auch nur ein theoretisches Problem, ansonsten im theologischen Kontext ohne weitere Bedeutung und daher nicht des Nachdenkens wert. Von allergrößter Bedeutung ist dagegen die Feststellung, dass „am Anfang“ zunächst Heillosigkeit herrschte. Und von höchstem Interesse ist für das biblische Schöpfungszeugnis die Aussage, dass Gott als Schöpfer dieser Heillosigkeit zu Leibe gerückt ist. In seinen sechs Schöpfungswerken hat er sich gleichsam als ihr „Heiland“ erwiesen.

Schöpfung ist demnach als Heilshandeln zu definieren. Bereits das Schöpfungswirken Gottes ist soteriologisches (auf Rettung aus Heillosigkeit zielendes) Handeln. Gott der Schöpfer ist nicht der große Zauberer, der aus „Nichts“ irgend „Etwas“ hervorzaubert. Vielmehr verwandelt er das, was „nichts“ ist – im Sinn von „nichtig“ – in ein heilvolles Weltgebilde. Aus einem heillos verlorenen Weltzustand schafft Gott eine heile Welt. Aus Chaos wird Kosmos.

1 Mose 2

In der jahwistischen Schöpfungsgeschichte 1 Mose 2,4b ff liegen die Dinge in dieser Hinsicht nicht anders, freilich gegenüber 1. Mose 1 in eingeschränkter, eher lokaler Perspektive. Auch hier ist in Vers 5 (Einleitung, Vorbemerkung) ein heilloser Weltzustand vor der Schöpfung vorausgesetzt: „Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden …, denn Gott der Herr hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute.“ Es ist die Wüste. Und aus dieser Wüste wird durch die Schöpfermacht Gottes dann ein Garten, das Paradies.

Zusammenfassung

Bereits nach dem biblischen Schöpfungszeugnis 1 Mose 1 und 2 ist das Wesen Gottes also soteriologisch (als heilschaffend) zu bestimmen. Er hat bereits als Schöpfer Rettung aus Heillosigkeit im Sinn und setzt alles daran, Heil zu schaffen. Gott ist von Uranfang an wesentlich Heils-Macht.

Von da aus können dann auch ohne weiteres neutestamentliche Aussagen in den Blick kommen, in denen die Schöpfung christologisch – und damit soteriologisch – definiert wird, wie z.B. Joh 1,3: „Alle Dinge sind durch dasselbe (sc. durch den ‚logos’) gemacht und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.“ Vgl. das Nicaenum zum zweiten Glaubensartikel: „… durch ihn (Christus!) ist alles geschaffen.“

Auch die angebliche Leichtigkeit, mit der Gott durchs „bloße Wort“ augenblicklich schaffen kann, wird in den beiden Schöpfungsgeschichten nicht bestätigt. Freilich kommen die Schöpfungswerke in 1 Mose 1 zumeist durch das „Wort“ zustande. Aber es sind keine Zauberformeln, die da gesprochen werden, sondern Befehlsworte, die mit den entsprechenden Machtmitteln realisiert, durchgesetzt werden müssen – in Prozessen, die, wie wir heute wissen, Jahrmillionen andauerten. Im übrigen ist immer wieder davon die Rede, dass Gott „machte“ bis hin zu 1 Mose 1,26f: „Lasset uns Menschen machen … Und Gott schuf den Menschen …“. M.a.W.: Es kostete den Schöpfer alle Macht und Kraft, sein Sechs-Tage-Werk zustande zu bringen, und ganz folgerichtig ruhte er dann auch am siebten Tag buchstäblich erschöpft „von allen seinen Werken, die er gemacht hatte.“ In 1 Mose 2, 4bff ist es dann durchweg so, dass Gott „macht“, „pflanzt“ usw.. Schöpfung ist Befehlsmacht, ist Tat und Werk in höchster Potenz. „Herr, wie sind deine Werke so groß und viel“ Ps 104,24.

Gilt dann Hebr 11,3 noch – „… alles, was man sieht, nicht aus (den) Erscheinungen (‚phainomenoon’) geworden“ (s.o.)? Selbstverständlich gilt diese Aussage, wenn man sie entsprechend versteht. Im ganzen Kapitel Hebr 11 geht es thematisch um den Glauben als ein „Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht“ (11,1). In der Tat ließen die Ur-Phänomene, in denen die Welt vor der Schöpfung „erschien“, das Ur-Chaos (1 Mose 1,2) bzw. die Ur-Wüste (1. Mose 2,5), auch nicht einen Schimmer davon erahnen, was durch Gottes Schöpferherrlichkeit im Gegensatz zu ihnen entstehen sollte und was dann tatsächlich bis heute die sichtbare Welt ausmacht. Das Ur-Chaos (1 Mose 1), die Ur-Wüste (1 Mose 2) waren in diesem Sinn das der Schöpfung vorausliegende „Nichts“.

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