Krippenfiguren

„Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt’s nicht, und mein Volk versteht’s nicht“ – Jes 1,3

Eigentlich sollte es mindestens unter Theologen allgemein bekannt sein, ist es aber, wie ich selber an Hand des Beitrags einer Pfarrerin im Radio feststellen musste, nicht: Ochs und Esel im Stall von Bethlehem, unveräußerliche Requisiten der Weihnachts-Krippen-Tradition, haben an dieser Stelle bei Jesaja ihren Ursprung (vgl. Jer 8,7). Sie stehen also für die unbegreifliche Ignoranz und Verschlossenheit Israels, des Gottesvolks gegenüber seinem Messias, der im Jesuskind zur Welt kommt. Vgl. Joh 1,11: „Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ Auch die „Herbergssuche“, ebenfalls fester Bestandteil in Krippenspielen, erhält eine besondere Brisanz, wenn man sich bewusst macht, dass sie sich im jüdischen Bethlehem und eben nicht irgendwo auf der Welt abspielt.

In einer Heilig-Abend-Ansprache 2010 appellierte der Pfarrer mit Bezug auf die Raumnot des Jesuskindes an die Gemeinde, doch den Obdachlosen in Waiblingen und den Bettler in der Königstraße in Stuttgart nicht zu übersehen und sich generell für die Notleidenden der Welt zu öffnen … Damit ist freilich Gutes gesagt. Aber ist damit der Sinn der Weihnachtsbotschaft erfasst? Ich bezweifle das. Vielmehr habe ich den Eindruck, dass hier wieder einmal das in meinen Augen verfehlte Verständnis der Perikope vom Weltgericht (Matth 25,31-46 „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern …“) zu einer Interpretation geführt hat, die am Eigentlichen vorbeigeht (s.o. zu: Matth 25,31-46 Die „geringsten Brüder“ Jesu).

Das Eigentliche ist m.E. dies, dass sich eben für Jesus kein Raum bei den Menschen findet, auch und gerade nicht bei den Menschen, die es als Gottes Volk am besten wissen müssten. Aber sie sind für ihren Gott und sein Handeln blinder als Ochs und Esel. Wie der weitere Verlauf der Geschichte Jesu in den Evangelien zeigt, will man dort, jedenfalls in den führenden und in den frommen Kreisen, Jesus als den „König der Juden“ partout nicht haben. Es beginnt schon mit der bösen Absicht des Herodes und mit der Flucht der heiligen Familie aus dem Land Israel nach Ägypten und setzt sich fort in dem wachsenden und schließlich tödlichen Widerstand, den Jesus sich mit Beginn seiner öffentlichen Wirksamkeit auf sich zieht.

Beklagenswert ist bis zum heutigen Tag, dass Jesus Christus von vielen, auch und gerade von religiösen Menschen nicht erkannt und aufgenommen wird und dass man seiner Gemeinde vielerorts das Leben schwer macht bzw. ihr keinen Lebensraum zuerkennt. Nach einem Massaker in Ägypten an koptischen Christen wurde Ende 2010 in den deutschen Medien endlich einmal darauf hingewiesen, dass Christen weltweit die am meisten verfolgte religiöse Gruppe sind.

Hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang auch darauf, dass der zweite Weihnachtsfeiertag dem (Erz-)Märtyrer Stephanus gewidmet ist, was in unserer Kirche leider schon längst kein Thema mehr ist. Weder Pfarrer noch Laien scheinen das überhaupt noch zu wissen. Stephanus erleidet das Martyrium, weil er vor dem jüdischen Hohen Rat den Widerstand Israels gegen das Wirken des Hl. Geistes und den Verrat und Mord der Verantwortlichen an dem „Gerechten“ (sc. Jesus) beklagt und bezeugt (Apg 7,52f).

Gestört hat mich in diesem Zusammenhang immer auch, dass die gesamten Gottesdienstopfer an den Weihnachtsfeiertagen für die Aktion „Brot für die Welt“ bestimmt waren. Natürlich ist das, was „Brot für die Welt“ macht, gut und notwendig. Aber gerade an Weihnachten, wenigstens am zweiten Feiertag, sollte man doch auch besonders der vielfach verkannten und bedrängten Gemeinde Jesu in aller Welt gedenken und sie unterstützen. Ich habe daher im Kirchengemeinderat angeregt, das Opfer am zweiten Weihnachtsfeiertag für „Hilfe für Brüder“ zu bestimmen und mich auch gelegentlich damit durchgesetzt.

Anmerkung: Nach meiner Wahrnehmung hat die Fehlinterpretation von Matth 25,31ff die Theologie im Sinn einer sozialistischen Verfälschung des Evangeliums richtiggehend verseucht.

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