Stunde der Bewährung

„Vater, die Stunde ist da: verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche …“ – Joh 17,1ff

(Predigt) „… „Vater, die Stunde ist da’ – betet also Jesus. Vielleicht können wir diese Stunde mit dem vergleichen, was wir sonst die ‚Stunde der Wahrheit’ oder die ‚Stunde der Bewährung’ nennen. Damit bezeichnen wir Zeitpunkte, Gelegenheiten in unserem Leben, bei denen wir wissen: Jetzt kommt alles darauf an. Jetzt muss, jetzt kann sich herausstellen, wer du bist, was in dir steckt; jetzt oder nie muss sich die Frucht von vielleicht sehr langem und intensivem Bemühen zeigen. Das kann beispielsweise eine besonders wichtige Klassenarbeit sein, eine Prüfung, ein sportlicher Wettkampf; aber auch an ganz andere Dinge könnten wir denken, wie z.B. daran, dass sich in kritischer Situation zeigen kann, wie stabil unsere Freundschaft, unsere Treue zu einem anderen Menschen ist. Wenn ich mich recht erinnere, träumt man besonders als junger Mensch nicht selten von solchen Stunden der Bewährung, stellt sich vor, wie da das Große und Gute, zu dem man sich berufen fühlt, ans Licht kommt.

In einem vergleichbaren Sinn wohl steht Jesus jetzt vor seiner großen Stunde. In dem, was nun gleich zu geschehen beginnt, soll an den Tag kommen, wer er ist und was an ihm ist. Es soll leuchten, es soll in die Welt hinein strahlen. Genau das ist nun seine Bitte an Gott, an den Vater: ‚Verherrliche deinen Sohn, auf dass dich der Sohn verherrliche.’ Jesus spricht hier zunächst von seinem Amt. Anstatt verherrliche ‚mich’ sagt er: verherrliche ‚deinen Sohn’. Er ist der Sohn, er hat das Sohnes-Amt. Was heißt das? Als der Sohn gehört er in einzigartiger Weise zu Gott; als Sohn ist er dazu berufen, den Willen des Vaters in vollkommenem Gehorsam zu erfüllen; als Sohn hat er vor allem Vollmacht, für den Vater, in seinem Namen zu handeln, mit abschließender Gültigkeit. ‚Vater, verherrliche deinen Sohn’ – bestätige du nun deinen Sohn in seinem Amt; sage jetzt ja zu seinem Werk; mach ihn nun als deinen Sohn ganz groß und glanzvoll. Und wenn du es tust, so bedeutet das letztlich ja nur, dass er als der Sohn wiederum dich, den Vater, verherrlicht; dass durch ihn dein Glanz hervortritt. So tu es um deines Namens willen, zu deiner Ehre.

Wir kommen zurück auf das, was nachher, nach diesem Gebet, mit Jesus geschieht und was er mit sich geschehen lässt. Es ist doch das Unbegreifliche, das, worüber man nur den Kopf schütteln kann. Da geht es doch ganz in die Tiefe mit ihm, der sich den Sohn nennt. Da wird er doch zum Allerverachtetsten und Unwertesten, der Welt zum Gespött. Da ist doch jeder Glanz weg.

Jesus sieht das ganz anders: Sein Leiden und Sterben, sein Kreuzestod – eben das ist seine große Stunde, die Stunde schlechthin, in der sozusagen Himmel und Erde den Atem anhalten. Es ist seine Sternstunde. Wenn es königlichen Glanz, göttliche Herrlichkeit für ihn gibt, dann liegt sie da drin, in diesem letzten und schwersten Gang, den er jetzt tut. Wenn ihm als dem Sohn vom Vater Macht übertragen wurde, Macht, in seinem Namen Großes zu vollbringen, dann muss sich das genau an dieser Stelle zeigen. Nirgends deutlicher und nirgends mehr als am Kreuz Jesu muss sich erweisen, dass er der Sohn ist.

Und so erinnert Jesus in seinem Gebet den Vater daran, um welche Sohnesmacht es sich da handelt: ‚Du hast ihm Macht gegeben über alles Fleisch, damit er das ewige Leben gebe allen, die du ihm gegeben hast.’ Heilsmacht ist dem Sohn übertragen, Heilsmacht für die Menschenwelt.

Allesamt sind sie ja dem Tod verfallen, die Menschen in ihrem Widerspruch gegen ihren Schöpfer. Allesamt sind sie verloren in ihren Sünden. Allesamt sind sie geknechtet von dunklen Mächten und oft genug todunglücklich. Wie viele leben da und empfinden doch, dass dies kein Leben mehr ist. Denken wir in diesem Zusammenhang nur an die schreckliche Verzweiflungstat, die ein Vater in der zurückliegenden Woche auf dem Kappelberg verübt hat: zwei Kinder und sich selber erhängt. Abgründe der Heillosigkeit tun sich da auf. Aber der Sohn, der Jesus heißt, ist befugt, einem jeden, den Gott ihm zuführt, Leben zu geben, das diesen Namen verdient, das ewige, das heilgewordene Leben, ganz gleich, wie abgrundtief die Heillosigkeit war, in der er stand. Da kann auch dieser Vater noch eingeschlossen sein. …

Jesus macht seine Bitte noch dringlicher, indem er Rechenschaft gibt über sein Werk. Nun sagt er nicht mehr ‚der Sohn’; nun sagt er ‚ich’. Denn nun geht es darum, wie er seine Sohnes-Aufgabe in die Tat umgesetzt hat. ‚Ich habe dich verherrlicht und vollendet das Werk, das du mir gegeben hast, dass ich es tun sollte.’ Gott sei Dank! Mit einem solchen – wir würden vielleicht sagen – Traumergebnis kann Jesus nun vor den Vater treten. Er hat den Auftrag ausgeführt, zu Ende geführt. Es ist bei diesen Worten so, als hinge er schon am Kreuz; als habe er sterbend schon sein letztes, königliches Wort auf den Lippen: ‚Es ist vollbracht.’ Er hat dieser verlorenen Welt den Knechtsdienst getan, wie er es zeichenhaft seine Jünger erleben ließ, als er ihnen die Füße wusch. Er hat sich zuunterst hingestellt als das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt. Er hat alle Niedrigkeit, die ihm auf diesem Weg zugedacht war, auf sich genommen. Und so hat er Gott, den Vater, verherrlicht; er hat ihn der Welt groß gemacht als den liebenden, sich erbarmenden Gott.

Und so darf er nun umgekehrt vom Vater für sich erbitten: ‚Und nun verherrliche mich du, Vater, bei dir mit der Klarheit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war.’ Ja, liebe Gemeinde, Jesus Christus ist eben viel mehr als eine Erscheinung der Geschichte vor 2000 Jahren. Er ist der Sohn, in dem Gott die Welt schon liebte, als noch das Ur-Chaos, die Ur-Heillosigkeit über allem lag; er ist das fleischgewordene Wort, durch das Gott die Welt erschuf, und durch das sie eine Welt voller Licht und Leben wurde. Aber nun ist diese Welt in neue Heillosigkeit gefallen, in die Heillosigkeit der Sünde. Und wieder ist es der Sohn, der an ihr die Mission der Liebe Gottes erfüllt. Freilich war jetzt noch eine andere Liebe gefordert, ein anderes Maß, eine andere Qualität von Liebe. Er hat sie erbracht. Und nun bittet Jesus den Vater, dass er ihn darin bestätigt, dass er ihn mit diesem vollendeten Werk erhöht, dass er ihn von neuem mit allem himmlischen Glanz umgibt als den, der die Welt heimgeholt hat zu Gott. …“

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