Verheißung und Erfüllung

Die Völkerwallfahrt zum Zion

„Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des Herrn Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des Herrn gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem …“ (Jes 2,1ff = Micha 4,1ff).

Für meine Verständnis ist die Erfüllung dieser Verheißung mit der Sendung Jesu Christi und der von ihm initiierten weltweiten christlichen Mission in Gang gekommen, vgl. Matth 28,18ff („… Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker …“). Die Aussage vom über alle Berge erhöhten Zionsberg ist auf Golgatha zu beziehen, wo der Messias Israels sein Heilswerk vollbracht hat – „zur letzten Zeit“, vgl. Hebr 1,2: „… hat Gott in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn.“

In der Folge dieses endzeitlichen Ereignisses kam die in Jes 2 (=Micha 4) verheißene Völkerwallfahrt zum Zion in Gang. Freilich nicht im buchstäblichen Sinn, dass die Völkerwelt sich auf den Weg nach Jerusalem machen würde – obgleich es diese Pilgerbewegung zu den dortigen heiligen Stätten durch die Jahrhunderte hindurch tatsächlich gegeben hat und noch immer gibt. Gemeint ist in Wirklichkeit, dass sich Menschen weltweit dem Gott Israels = dem Vater Jesu Christi zuwenden, sich spirituell zu ihm auf den Weg machen, ihr Heil bei Jesus Christus suchen und auch finden.

Was sich an dem Beispiel dieser Verheißung augenfällig zeigen lässt, gilt m.E. auch für alle sonstigen Verheißungen, die laut Altem Testament an Israel ergingen, z.B. für Jeremia 23,3ff: „Und ich will die Übriggebliebenen meiner Herde sammeln aus allen Ländern, wohin ich sie verstoßen habe, und will sie wiederbringen zu ihren Weideplätzen …“. Diese Verheißung mündet dann, Vers 5, ein in die Verheißung des Messias: „Siehe, es kommt die Zeit, … dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.“ Dies ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass die an Israel ergangenen Verheißungen mit dem Erscheinen Jesu Christi und dem Werden seiner Kirche, mit dem Werden des neuen Gottesvolkes aus Juden und Heiden erfüllt werden.

Eine Erfüllung von alttestamentlichen Verheißungen für das jüdische Volk an Jesus Christus vorbei, wie sie heute von christlichen Zionisten gerne behauptet und auf die Rückkehr der Juden nach Palästina und die Wiedererrichtung eines jüdischen Staates bezogen wird, halte ich für theologisch irreführend.

Anmerkung zu Jes 2,1ff und Micha 4,1ff
Vers 4: „Und er (der Herr) wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“ Der hier geweissagte Friedenswille der Völker hat also seinen Ursprung und seinen Grund darin, dass „der Herr“ unter den Menschen, die sich ihm zugewandt haben, richtet und sie zurechtweist. Eine Welt-Friedens-Vision ohne Gott, wie sie etwa die atheistische Sowjetunion unter Verwendung eben dieses Bildes „Schwerter zu Pflugscharen“ propagiert hat, pervertiert die biblische Botschaft. Auch die „Friedensbewegung“ mit ihren Untergruppierungen wie „Ohne Rüstung leben“ lag und liegt in dieser Hinsicht absolut falsch.

Die „Friedensbewegung“ hat mir vor allem in den späten 70er- und in den 80er-Jahren, d.h. während meiner Dienstzeit in Fellbach, schwer zu schaffen gemacht. In der Politik ging es u.a. um „Nachrüstung“, um den „Nato-Doppelbeschluss“ als Antwort auf die atomare Hochrüstung des Ostblocks. Einer meiner Fellbacher Pfarrers-Kollegen engagierte sich mit Vehemenz auf Seiten der Friedensbewegung und propagierte in der Gruppierung, die er mitgegründet hatte, die Parole „Ohne Rüstung leben“. Dort wurde allen Ernstes gefordert, nicht nur der Einzelne, sondern auch und gerade der Staat müsse auf Rüstung verzichten. Aus meiner Sicht: Lupenreine und höchst gefährliche pazifistische Schwärmerei; mehr dazu s.u.

Eine auffällige Begleiterscheinung dieser „Friedensbewegung“: Massive Intoleranz gegenüber Menschen, besonders auch gegenüber Christen, die in der Auseinandersetzung mit diesen Themen zu anderen Schlussfolgerungen kamen. Ich habe diese ideologische Verblendung bei Veranstaltungen, zu denen ich gelegentlich als Vertreter einer anderen Position eingeladen wurde, handgreiflich erlebt. Hans Apel, SPD, seinerzeit Bundesverteidigungsminister und Befürworter der Nachrüstung und des Nato-Doppelbeschlusses, überzeugter Christ, sprach auf dem Hamburger Kirchentag 1981 zum Thema. Hinterher sagte er, ein solcher Hass wie bei dieser Veranstaltung sei ihm noch niemals zuvor begegnet!

(Predigt) „… Und jetzt noch einmal die Frage: Wenn es so ist, wenn der Friede die Endstufe dieses Prozesses ist, was ist dann für uns noch dran an diesem prophetischen Signal ‚Schwerter zu Pflugscharen?’ Ist die Erfüllung dieser Verheißung dann nicht in unerreichbare, in utopische Fernen gerückt?

Gott sei Dank nein, liebe Gemeinde! Das mit dem Berg Zion, mit seiner Erhöhung über alle Berge ist schon geschehen! Auf der Höhe Jerusalems, auf dem Zion ist das Kreuz Jesu Christi auf gerichtet worden, das Kreuz dessen, der uns mit seinem Opfer erlöst hat und nun lebt und regiert und wiederkommen wird. Damit ist dieser Zionsberg zum alles überragenden Gottesberg geworden. …

Und auch das ist schon im Gang, dass Menschen aus allen Völkern scharenweise zu diesem Berg strömen. Nicht die Israel-Touristen sind gemeint. Sondern sie alle, die zu Jesus Christus, dem Gekreuzigten kommen und bei ihm Orientierung suchen für ihr Leben. Was sie, was wir bei ihm finden, ist die neue Tora, die neue Weisung, die neue Lebensordnung. Da lernen wir zunächst, uns in all unserer Verkehrtheit Jesus Christus anzuvertrauen und uns von ihm heilen zu lassen. Da lernen wir dann auch, Gottes Gebot in ganz neuer Weise ernstzunehmen, so, wie es Jesus beispielsweise in seiner Bergpredigt ausgeführt hat. Da lernen wir, in Jesu Namen sogar auf Vergeltung zu verzichten und den Feind zu lieben. Ja, auch der Berg der Bergpredigt ist der Berg, von dem Jesaja weissagt.

Auch das wird Wirklichkeit, schon jetzt, hier und heute, dass Jesus Christus dann Herr wird über eine Gemeinde, über viele Gemeinden; dass er die Gemeinschaft der Menschen, die da zusammenkommen und zusammengehören, regiert, sie richtet und zurechtbringt, jeden für sich und untereinander, und bei ihnen für Recht und Frieden sorgt.

Und dann kommt es unter diesen von Christus regierten Menschen auch dazu, dass Schwerter zu Pflugscharen gemacht werden, z.B. in dem Sinn, dass Energien, die bisher für Streit, Auseinandersetzung, Vergeltung, Unversöhnlichkeit, kurz für das Gegeneinander gebraucht wurden, frei werden für ein barmherziges, versöhntes, aufbauendes Miteinander.

Also, liebe Gemeinde. Es ist alles schon im Gang. Es ist alles schon im Werden. Der Friede Christi ist eine Wirklichkeit. Er regiert schon jetzt in Menschenherzen auf der ganzen Welt.

‚Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des Herrn’. Ja, liebe Gemeinde, vertrauen wir uns mit diesem Morgen und unter der Weissagung Jesajas wieder neu dieser wahren Friedensbewegung an. Sie hat ihr Zentrum in Jesus, dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Sie umfasst alle, die zum Glauben an ihn kommen. Sie umfasst schon jetzt die ganze Welt und wird endlich diese ganze Welt verwandeln in eine Welt des Friedens. Amen.“

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